Erzählung Novemberholz über die Handtasche. Text zum 11. Würth Literaturpreis, herausgegeben von Herta Müller

Radio-Essay von Ralf Hanselle vom 1. Dezember 2025 in Deutschlandfunk Kultur.

01. Dezember 2025, 07:20 Uhr
Zum 150. Geburtstag von Thomas Mann beleuchtet das Buddenbrookhaus sein Verhältnis zur Demokratie. Leiterin Caren Heuer erklärt im Interview, wie aktuell Manns politischer Wandel ist – und warum sein Werk heute neu gelesen werden sollte.
IM GESPRÄCH MIT CAREN HEUER am 25. Mai 2025

Hysterie hat Konjunktur. In der Politik, der Wissenschaft, den Medien. Überall wird an der Erregungsschraube gedreht. Doch verlieren wir darüber nicht den Blick auf die Realität – und am Ende vielleicht sogar den Verstand?
Jüngstes Opfer: ein harmloser Spielfilm, „Rote Sterne überm Feld“. Im Januar noch, während des Filmfestivals von Saarbrücken, hatte dieser eigentlich unpolitische Kriminalfilm der Berliner Regisseurin Laura Laabs die höchste Kritikerauszeichnung beim Max-Ophüls-Preis gewinnen können. Doch weil der im Sommer 2023 unter Vergewaltigungsverdacht geratene Rammstein-Sänger Till Lindemann gleich zwei winzige Gastauftritte in dem Streifen hatte, kam der Erfolg bald zum Erliegen. Schon im April, während des Festivals „Achtung Berlin“, sollte ein abermaliges Screening unterbunden werden. Aktivisten hatten die geplante Vorführung angeprangert. Wie so oft anonym übers Internet. Auch wenn das Ermittlungsverfahren gegen Lindemann bereits im August 2023 wegen eines fehlenden hinreichenden Tatverdachts eingestellt worden war. Empörung schlug Recht. Wieder einmal. Man einigte sich schließlich auf eine belehrende Rahmung: „Achtung Berlin“ zeigte „Rote Sterne überm Feld“ nur mit „entsprechender Anmoderation und anschließendem Q&A mit Expert:innen“.
Die Deutschen sind zerrissen
Wann werden wir enden?
Denn der Deutsche hat Angst. Angst vor steigenden Lebenshaltungskosten, Angst vor der schlechten Wirtschaftslage, vor allem aber Angst vor der Angst. Das Meinungsforschungsinstitut Yougov offenbarte im Mai 2025, wie tief man hierzulande in den Abgrund zu starren geneigt ist: 59 Prozent etwa, so die Umfrage, haben Angst vor dem Ausbruch eines Dritten Weltkriegs. 43 Prozent fürchten die Wiedereinführung einer Diktatur. 64 Prozent das Ende der Demokratie.
Der Teufel sitzt immer mit am Tisch
Da zuckt der Rest der Welt vielleicht nur gelangweilt mit den Schultern, doch auf unserer Seite des Ärmelkanals reicht ein Schmetterlingsschlag, um Code Red auszulösen. Ein schneller Blick in deutsche Zeitungen bringt es denn auch an den Tag: „Immer mehr Prepper bereiten sich auf den Untergang vor“, titelte jüngst eine in Berlin erscheinende Wochenzeitung und beschrieb unter der reißerischen Überschrift, wie ein drohender Zusammenbruch der Zivilisation die apokalyptische Reiterei zum deutschen Volkssport erheben könnte.
„Angst vor dem Pakt mit dem Bösen“
Die Sucht nach Extremen
Dabei ist Anders Ellebæk Madsen gewiss nicht der Erste, der von jenseits einer deutschen Grenze mit ziemlichem Unverständnis auf die emotionale Überspanntheit drüben beim größeren Nachbarn blickt. Der ungarische Sozialpsychologe und Politiker István Bibó etwa, während des Ungarn-Aufstands von 1956 zeitweilig Staatsminister von Imre Nagy, hatte bereits Anfang der 1940er Jahre ein Buch geschrieben, in dem er die eigentümliche „Deformierung der deutschen Gesinnung“ zu analysieren versucht hat. Und egal, wie man zu Bibós Gedanken heute im Einzelnen stehen mag, der Titel des Werkes überzeugt noch immer: „Die deutsche Hysterie. Ursachen und Geschichte“.
Hypersensibel und überdehnt
„Man ist jetzt unglaublich schnell auf Betriebstemperatur“, sagt Kubicki, der in der Vergangenheit stets vor hysterischer Überdehnung gewarnt hatte – sei es, wie zuletzt, in der Debatte um einen besseren Schutz des Bundesverfassungsgerichts vor „demokratiefeindlichen Kräften“ oder in Bezug auf die seiner Meinung nach einseitige politische Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: Während die Wogen oft bereits hochschlugen, blieb der Norddeutsche kühl und geerdet.
Soziale Medien spielen eine enorme Rolle
Helge Lindh, seit 17 Jahren Abgeordneter für die SPD und nahezu im gesamten Parlament als brillanter Rhetoriker geschätzt, weiß nur zu gut, dass die Digitalisierung das politische Klima verändert hat. Was ist heute schon gute Rhetorik in Anbetracht eines wackelnden Reels auf Social Media? Und was zählt ein Argument, wenn es nicht emoji-tauglich „verhashtagt“ werden kann? „Das ist zuweilen durchaus niederschmetternd“, gesteht Lindh, der als studierter Philologe zu den wenigen Geisteswissenschaftlern im Bundestag zählt.
Glatt statt kantig
Der Heidelberger Psychiater und Psychoanalytiker Günter H. Seidler, der seit langer Zeit schon zu Hysterie und ihren Ursachen forscht, sieht genau in solchen Phänomenen ein Indiz dafür, dass wir als Gesellschaft vielleicht wirklich immer hysterischer werden. Der Hysteriker, sagt Seidler, hat keinen körperbasierten Zugang zu seiner eigenen Emotionalität. Gefühle würden daher immer eher gespielt, als dass sie wirklich erlebt würden. „Das passt zu einer Gesellschaft, die Inhalte immer öfter durch Performance ersetzt und die ihren Körper gegen Virtualität eintauscht.“
Angst hat eine Schutzfunktion
Die übrigens, die Endzeitjünger, die hat es nämlich nach Meinung von Thomas Brussig schon immer gegeben. Zu allen Zeiten, sagt der Autor von Bestsellern wie „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ und „Wie es leuchtet“, habe es auch Menschen gegeben, die der festen Überzeugung anhingen, dass die nächste Herausforderung nun aber wirklich nicht mehr zu schaffen sei. Und weil sich auch Brussig als eher „ängstlichen Typen“ bezeichnet, hat er aus der Not eine Philosophie gezimmert. Brussig ist nämlich Urheber einer Art Kategorischen Imperativs für die trügerischen Tage der Vorendzeit. Sicher ist schließlich sicher! „Jede Bedrohung sollten wir so behandeln, als wenn sie uns tatsächlich umbringen könnte“, meint Brussig. Dann, so ist er überzeugt, werde schon alles gut gehen.
Deutschland macht sich zum Problemfall
Illustration: Marie Wolf
Vor 150 Jahren wurde C.G. Jung geboren. Sein Werk ist ein Appell zur Rettung der Tiefenschichten im Menschen. Jungs Warnung vor einer Welt der kalten Rationalität ist daher aktueller denn je.
Der Tod ist nur ein Sprung über eine unsichtbare Grenze hinweg. Für C.G. Jung, dem neben Sigmund Freud und Alfred Adler gewiss wichtigsten Psychoanalytiker des 20. Jahrhunderts, war das ganz selbstverständlich: Sterben war für ihn nur der Übergang in einen anderen Bewusstseinszustand. „Ich habe gute Gründe anzunehmen, dass die Dinge mit dem Tod nicht zu Ende sind. Es scheint, als sei das Leben ein Zwischenspiel in einer langen Geschichte“, bekannte der Schweizer Psychiater und Sohn eines reformierten Theologen am 19. November 1955, gut sechs Jahre vor seinem tatsächlichen Tod, in einem Brief an eine unbekannte Adressatin: „Diese Geschichte bestand schon, bevor ich war, und wird höchstwahrscheinlich weitergehen, wenn das bewusste Intervall in einer dreidimensionalen Existenz zu Ende ist.“
Vordenker der Bilder
Magier der Moderne
Für Jung misst sich diese Entmenschlichung an der Preisgabe der Tiefenschichten unserer Existenz, an der Opferung unserer Bilder, Mythen und Sehnsüchte und am endgültigen Sieg eines nackten Verstandes. Er schrieb diese Zeilen in der Mitte eines Jahrhunderts, welches möglicherweise nur die Ouvertüre zu jener Ära bildete, die sich heute vollends an Szientismus und an kalte, weil technisch fingierte Rationalität verkauft hat. Ein Computer jedenfalls träumt nicht. Und das Metaversum wirft keine Schatten. Ein Leben aber ohne derlei Tiefenschichten der Existenz, so lautet die immer noch nachhallende Warnung aus dem Werk eines der wichtigsten Väter der analytischen Psychologie, ist ein Leben auf der brüchigen Kante eines Abgrunds.
Kunst ist absolute Freiheit. Kaum ein Künstler lebt diese Haltung derart radikal wie Jonathan Meese. Dies drückt er aus mit Malerei, Bildhauerei und Performancekunst. Ein Gespräch über Bayreuth, Cancel Culture und die Selbstreinigung des Herzens. Ein Besuch.
Früher ging es um Reformen, doch damit ist es inzwischen nicht mehr getan. Für jeden Lebensbereich fordert die Politik heute „Transformation“ ein. Sie scheint in den existenzbedrohenden Szenarien der Gegenwart der letzte Ausweg zu sein.
Der große Sprung muss her
Das Spezialgebiet von Endzeitsekten
Die Geburt der Transformation
Der letzte Ausweg
Die Inflation der Transformation
Wir müssen unser Menschsein behaupten
Links, so hat man sich scheinbar im Parteienspektrum von SPD über Grüne bis Linkspartei geeinigt, ist irgendwas mit Wokeness und mit Identitätspolitik. Doch stimmt das überhaupt? Die deutsch-amerikanische Philosophin Susan Neiman hat berechtigte Zweifel. Ein Gespräch.
Ralf Hanselle im Gespräch mit Susan Neimann
Gespräch mit Svenja Flaßpöhler, Chefredakteurin des Philosophie Magazins, Buchautorin und promovierte Philosophin, und eine Frau mit klarer Haltung, über die Frage, wie man sich gewinnbringend streitet, ab wann man als streitwütig oder gar umstritten gilt und wie es um die Streitkultur der Deutschen aktuell bestellt ist.
Gespräch mit dem Berliner Philosophen Jochen Kirchhoff kurz vor dem Weihnachtsfest über das Thema Hoffnung. Im Gespräch gehen beide der Frage nach, ob man ohne Hoffnung leben kann, und, falls nein, wo man Hoffnung finden kann? Jochen Kirchhoff, war einer der letzten spannenden Denker im Bereich der Transzendenz, und fand auf all diese Fragen interessante Antworten.
