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Homo Digitalis

Homo Digitalis – Obdachlos im Cyberspace

Homo Digitalis – Obdachlos im Cyberspace ist ein Essay über den tiefgreifenden Wandel unserer Wahrnehmung im digitalen Zeitalter: Wie die Digitalisierung unsere Erinnerung, unser Denken und unser Gefühl für die Offline-Welt verändert – und warum das Wissen der „digital immigrants“ wichtiger denn je werden könnte.

Aus dem Prolog zu diesem Essay

Prolog: Es gibt Entwicklungen, die einen grundlegenden Wandel unserer Lebenswelt einleiten – als werde eine Schwelle überschritten, ein point of no retum erreicht. Die Digitalisierung mit all ihren Umbrüchen auf den Gebieten Kommunikation, Denken, Wahrnehmung, Handeln und Erinnern stellt eine solche Entwicklung dar. So wie die Menschen mit der beginnenden Schriftkultur vermutlich bald schon nicht mehr gewusst haben werden, wie es war, im magischen Bewusstsein der Bilder zu leben, so kommt uns in unserer gegenwärtigen Online-Kultur mehr und mehr das Gefühl für die Offline-Welt abhanden.

Gerade einmal dreißig Jahre ist es jetzt her, dass mit den sogenannten digital natives eine Generation die Bühne der Welt betrat, die erstmals keinerlei eigene Erinnerung mehr an ein nahezu vollkommen analoges Leben hatte. »You are terrified of your own children, since they are natives in a world where you will always be immigrants«, hieß es 1996 in der vom US-amerikanischen Menschenrechtler John Perry Barlow verfassten »Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace«. Fortan also zerfielen die Menschen in zwei Gruppen: die Eingeborenen und die Fremden; die mit der Zukunft vor Augen
und die mit der sicherlich oft auch lähmenden Geschichte im Gepäck.

Und wer möchte schon im Sinne Barlows ein Immigrant sein – zumal in einer zunehmend virtuellen Welt, die sich selbst mehr und mehr zu verflüchtigen scheint. Man stelle sich nur einmal vor, irgendwann um das dritte Jahrtausend vor Christus als Nicht-Alphabetisierter in Mesopotamien gelebt zu haben: Während um einen herum immer mehr Menschen die Welt in Zeilen und Linien – und somit in ein chronologisches Nacheinander – zu ordnen begannen, steckte man selbst fest in einer durch Bilder generierten Gleichzeitigkeit.(1) Und während für andere allmählich das historische Bewusstsein begann, blieb man selbst dem magischen Denken verhaftet. Hat man den Schritt in gänzlich neue Wahrnehmungsmuster einmal vollzogen, schwinden die einst das Dasein prägenden Erfahrungswerte. In den frühen Hochkulturen brauchte es dafür zuweilen Jahrtausende, heute vollzieht sich ein solcher Prozess in nicht einmal einer Generation.

Jeder Medienwechsel ist so gesehen vor allem ein Bewusstseinswechsel. Und es wäre wohl vermessen, wollte man dem Fortschritt ins Getriebe greifen. Doch hüten gerade auch die digital immigrants einen nicht unerheblichen Wissensschatz: Alles könnte eben auch ganz anders sein. Von dieser Erkenntnis handelt der folgende Essay. Er versteht sich nicht als nostalgische Rückrufaktion für die analoge Welt vor 1990; und er will schon gar nicht die vielen positiven Veränderungen leugnen, die die zunehmende Nutzung und Vernetzung von Computern in den letzten Jahrzehnten mit sich gebracht haben. Dieses Buch will vielmehr Wissen und Erfahrungen konservieren; Erfahrungen, die noch einmal von Bedeutung sein könnten für die Conditio Humana.

Rezensionen: Im SWR2 lesenswert: Ralf Hanselle – Homo digitalis. Obdachlos im Cyberspace
und Radiogeschichten vom Ö1.