Thomas Mann im 21. Jahrhundert
Zum 150. Geburtstag von Thomas Mann beleuchtet das Buddenbrookhaus sein Verhältnis zur Demokratie. Leiterin Caren Heuer erklärt im Interview, wie aktuell Manns politischer Wandel ist – und warum sein Werk heute neu gelesen werden sollte.
IM GESPRÄCH MIT CAREN HEUER am 25. Mai 2025
Caren Heuer studierte Germanistik, Politikwissenschaft und Soziologie. Seit Februar 2021 leitet sie das Buddenbrookhaus / Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum in Lübeck, wo ab dem 6. Juni aus Anlass des 150. Geburtstags von Thomas Mann die Ausstellung „Meine Zeit. Thomas Mann und die Demokratie“ gezeigt wird.
Frau Heuer, ein Schriftsteller, der wie Thomas Mann acht große Romane und über 30 Erzählungen hinterlassen hat, ist derart vielschichtig, dass man zu jedem Jubiläum eine ganz spezielle Facette herausstreichen könnte. Was ist es, das Thomas Mann 2025 aktuell hält?
Im Buddenbrookhaus haben wir uns vor gut zwei Jahren dazu entschlossen, Thomas Mann und sein Verhältnis zur Demokratie in den Fokus zu rücken. Dies wird das zentrale Thema unserer Sonderausstellung, die wir am 6. Juni in Lübeck eröffnen. Es geht um Manns politische Zeitenwenden in den 1910er und 1920er Jahren hin zu seinem Engagement als überzeugter Demokrat. Als wir uns dieses Thema im März 2023 überlegten, ist uns durch den aufgeheizten Wahlkampf in den USA bewusst geworden, wie fragil das politische System des Westens geworden ist. Von daher ist es eine spannende Frage, ob uns der Rückblick auf Thomas Mann auch etwas über die Krisen der Gegenwart erzählen kann.
Zu Manns Hundertstem im Jahr 1975 stand unwidersprochen fest, dass der Literaturnobelpreisträger von 1922 einer der großen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts war. Welche Rolle spielt Mann noch im 21. Jahrhundert?
Das Werk von Thomas Mann ist überlebensgroß, stilistisch unerreicht. Dennoch: Ich denke, er stand zu lange auf einem Sockel. Es ist wichtig, ihn dort herunterzuholen. So wird deutlich, dass er viel mit uns und mit unserer Zeit zu tun hat. Mann war nicht nur der disziplinierte und bürgerliche Geistesmensch; er hat auch gelitten – wie wir; er hatte Verdauungsprobleme – wie wir; und er hat sich mit seiner Arbeit schwergetan – wie wir. Und nicht zuletzt hat er mit seiner Zeit gerungen, wie wir es heute immer noch und wieder tun.
Dekonstruktion und das Kratzen an den Sockeln bürgerlicher Säulenheiliger ist nichts Ungewöhnliches. Braucht es aber nicht auch monolithische Figuren, auf die man sich als Gesellschaft einigen kann?
Ich würde das in Bezug auf Thomas Mann unterstreichen. Dekonstruktion meint ja nicht Zerstörung allein, Dekonstruktion ist auch Wiederaufbau. Das Herausheben eines guten, eines anderen, eines demokratischen Deutschlands, wie Thomas Mann es repräsentiert hat, ist in meinem Sinne.

Es war ein langer Weg, bis Thomas Mann zu einem Vertreter dieses „guten“ Deutschlands werden konnte. Und anders als bei seinem Bruder Heinrich waren es die Umwege, die zu einer Besinnung führten. Wie kommt es, dass zwei Menschen in demselben Haus groß werden und dieses durch zwei unterschiedliche Türen verlassen?
Thomas Mann hat die Gegenpositionen zu seinem Bruder Heinrich sehr bewusst eingenommen. Er hat sich an dem Älteren abgearbeitet. In seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ gibt es ein Kapitel über den „verwestlichten Zivilisationsliteraten“. Das ist für ihn ein Typus, der engagierte Literatur schreibt und dem es, vereinfacht gesagt, vordringlich um die pädagogische Botschaft der Aufklärung geht. Damit ist ganz klar Bruder Heinrich gemeint. Zwischen den beiden verhält es sich zu dieser Zeit wie in einem Satz aus „Buddenbrooks“, in dem es heißt: „Ich bin geworden, wie ich bin, weil ich nicht werden wollte wie Du.“
Diese Unterschiedlichkeit der beiden zeigt sich spätestens 1914 mit Ausbruch des Krieges. Thomas Mann begrüßt diesen frenetisch.
Wie viele seiner Zeitgenossen hat auch er sein „August-Erlebnis“. In seinem Essay „Gedanken im Kriege“ feiert er den Kriegsausbruch als eine Befreiung. Er tut dies allerdings aus dem sicheren Arbeitszimmer heraus. Er selbst ist ausgemustert worden und befindet sich in einer kommoden Situation. Die Schrecken des Krieges kennt er nur aus seinem Sommerhaus in Bad Tölz, in dessen Nachbarschaft sich eine Anstalt für Kriegsversehrte befand. Auch ist er wohl einer dieser Schlafwandler, von denen Christopher Clark später in seinem Buch über den Ersten Weltkrieg schreibt. Noch wenige Tage vor Kriegsausbruch notiert er in einem Brief, dass er eigentlich zu „zivilen Gemüts“ sei, um sich vorstellen zu können, was da auf ihn und auf die Welt zukommen wird.
Was bringt dann später die Wende zum Demokraten?
Im Kern ist es die Ermordung Walther Rathenaus 1922. Sie macht ihn endgültig zum Verteidiger der Weimarer Republik und später zum Gegner des Faschismus. Aber man sieht auch schon vorher eine Wandlung. Diese kann man am besten im „Zauberberg“ nachvollziehen.
Den er ja quasi parallel zu den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ schreibt.
Die sind aber bereits 1918 erschienen, „Der Zauberberg“ folgt erst 1924. Und aus seinem Tagebuch wissen wir, dass er versucht hat, die Auslieferung der „Betrachtungen“ zu stoppen. Er wird gewusst haben, dass er mit diesem Text nach dem Krieg wie ein Trottel, wie ein Gestriger dastehen würde. Und so war es dann ja auch – auch wenn das Buch seine Leser im nationalkonservativen Milieu finden konnte, von dem sich Mann aber spätestens mit seiner Rede „Von deutscher Republik“ separiert hat. Vieles von diesem Konflikt ist bereits in der zweiten Hälfte des „Zauberbergs“ angelegt – in dem Streit zwischen den Figuren Ludovico Settembrini und dem religiös autoritären Leo Naphta. Thomas Mann selbst schlägt sich am Ende auf die Seite des Humanisten Settembrini – auf die Seite von Aufklärung, Demokratie und Fortschritt.
Und dort bleibt er dann bis ins Exil und darüber hinaus. Kann man diesen politischen Thomas Mann von dem Literaten trennen?
Das gehört bei Thomas Mann zusammen.
Obwohl er sich selbst dagegen gewehrt hat?
Ja, der arme Mensch! Das war zunächst genau sein Vorbehalt gegen die Demokratie: Er war der Meinung, dass sich dadurch die Politik in alle Lebensbereiche hineinfressen würde – bis ins Privateste, bis in die Literatur und die Kunst. Thomas Mann plädierte zunächst für eine unpolitische Kunst. Am „Zauberberg“ aber sieht man, dass dieser Roman am Ende ein hochpolitischer Text wird. Er hat danach noch viele solcher politischen Texte geschrieben. Man muss den politischen und den literarischen Thomas Mann also immer zusammendenken. Über seine literarischen Texte erarbeitet sich Thomas Mann stets eine politische Haltung – stellvertretend und ausgetragen über literarische Figuren. Am Ende gilt wohl auch für ihn, was er Ludovico Settembrini im „Zauberberg“ sagen lässt: „Es gibt keine Nichtpolitik. Alles ist Politik.“


