Erzählung Novemberholz über die Handtasche. Text zum 11. Würth Literaturpreis, herausgegeben von Herta Müller

Zum 150. Geburtstag von Thomas Mann beleuchtet das Buddenbrookhaus sein Verhältnis zur Demokratie. Leiterin Caren Heuer erklärt im Interview, wie aktuell Manns politischer Wandel ist – und warum sein Werk heute neu gelesen werden sollte.
IM GESPRÄCH MIT CAREN HEUER am 25. Mai 2025

 

Caren Heuer studierte Germanistik, Politikwissenschaft und Soziologie. Seit Februar 2021 leitet sie das Buddenbrookhaus / Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum in Lübeck, wo ab dem 6. Juni aus Anlass des 150. Geburtstags von Thomas Mann die Ausstellung „Meine Zeit. Thomas Mann und die Demokratie“ gezeigt wird.
Frau Heuer, ein Schriftsteller, der wie Thomas Mann acht große Romane und über 30 Erzählungen hinterlassen hat, ist derart vielschichtig, dass man zu jedem Jubiläum eine ganz spezielle Facette herausstreichen könnte. Was ist es, das Thomas Mann 2025 aktuell hält?
Im Buddenbrookhaus haben wir uns vor gut zwei Jahren dazu entschlossen, Thomas Mann und sein Verhältnis zur Demokratie in den Fokus zu rücken. Dies wird das zentrale Thema unserer Sonderausstellung, die wir am 6. Juni in Lübeck eröffnen. Es geht um Manns politische Zeitenwenden in den 1910er und 1920er Jahren hin zu seinem Engagement als überzeugter Demokrat. Als wir uns dieses Thema im März 2023 überlegten, ist uns durch den aufgeheizten Wahlkampf in den USA bewusst geworden, wie fragil das politische System des Westens geworden ist. Von daher ist es eine spannende Frage, ob uns der Rückblick auf Thomas Mann auch etwas über die Krisen der Gegenwart erzählen kann.
Zu Manns Hundertstem im Jahr 1975 stand unwidersprochen fest, dass der Literaturnobelpreisträger von 1922 einer der großen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts war. Welche Rolle spielt Mann noch im 21. Jahrhundert?
Das Werk von Thomas Mann ist überlebensgroß, stilistisch unerreicht. Dennoch: Ich denke, er stand zu lange auf einem Sockel. Es ist wichtig, ihn dort herunterzuholen. So wird deutlich, dass er viel mit uns und mit unserer Zeit zu tun hat. Mann war nicht nur der disziplinierte und bürgerliche Geistesmensch; er hat auch gelitten – wie wir; er hatte Verdauungsprobleme – wie wir; und er hat sich mit seiner Arbeit schwergetan – wie wir. Und nicht zuletzt hat er mit seiner Zeit gerungen, wie wir es heute immer noch und wieder tun.
Dekonstruktion und das Kratzen an den Sockeln bürgerlicher Säulenheiliger ist nichts Ungewöhnliches. Braucht es aber nicht auch monolithische Figuren, auf die man sich als Gesellschaft einigen kann?
Ich würde das in Bezug auf Thomas Mann unterstreichen. Dekonstruktion meint ja nicht Zerstörung allein, Dekonstruktion ist auch Wiederaufbau. Das Herausheben eines guten, eines anderen, eines demokratischen Deutschlands, wie Thomas Mann es repräsentiert hat, ist in meinem Sinne.

Es war ein langer Weg, bis Thomas Mann zu einem Vertreter dieses „guten“ Deutschlands werden konnte. Und anders als bei seinem Bruder Heinrich waren es die Umwege, die zu einer Besinnung führten. Wie kommt es, dass zwei Menschen in demselben Haus groß werden und dieses durch zwei unterschiedliche Türen verlassen?
Thomas Mann hat die Gegenpositionen zu seinem Bruder Heinrich sehr bewusst eingenommen. Er hat sich an dem Älteren abgearbeitet. In seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ gibt es ein Kapitel über den „verwestlichten Zivilisationsliteraten“. Das ist für ihn ein Typus, der engagierte Literatur schreibt und dem es, vereinfacht gesagt, vordringlich um die pädagogische Botschaft der Aufklärung geht. Damit ist ganz klar Bruder Heinrich gemeint. Zwischen den beiden verhält es sich zu dieser Zeit wie in einem Satz aus „Buddenbrooks“, in dem es heißt: „Ich bin geworden, wie ich bin, weil ich nicht werden wollte wie Du.“
Diese Unterschiedlichkeit der beiden zeigt sich spätestens 1914 mit Ausbruch des Krieges. Thomas Mann begrüßt diesen frenetisch.
Wie viele seiner Zeitgenossen hat auch er sein „August-Erlebnis“. In seinem Essay „Gedanken im Kriege“ feiert er den Kriegsausbruch als eine Befreiung. Er tut dies allerdings aus dem sicheren Arbeitszimmer heraus. Er selbst ist ausgemustert worden und befindet sich in einer kommoden Situation. Die Schrecken des Krieges kennt er nur aus seinem Sommerhaus in Bad Tölz, in dessen Nachbarschaft sich eine Anstalt für Kriegsversehrte befand. Auch ist er wohl einer dieser Schlafwandler, von denen Christopher Clark später in seinem Buch über den Ersten Weltkrieg schreibt. Noch wenige Tage vor Kriegsausbruch notiert er in einem Brief, dass er eigentlich zu „zivilen Gemüts“ sei, um sich vorstellen zu können, was da auf ihn und auf die Welt zukommen wird.
Was bringt dann später die Wende zum Demokraten?
Im Kern ist es die Ermordung Walther Rathenaus 1922. Sie macht ihn endgültig zum Verteidiger der Weimarer Republik und später zum Gegner des Faschismus. Aber man sieht auch schon vorher eine Wandlung. Diese kann man am besten im „Zauberberg“ nachvollziehen.
Den er ja quasi parallel zu den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ schreibt.
Die sind aber bereits 1918 erschienen, „Der Zauberberg“ folgt erst 1924. Und aus seinem Tagebuch wissen wir, dass er versucht hat, die Auslieferung der „Betrachtungen“ zu stoppen. Er wird gewusst haben, dass er mit diesem Text nach dem Krieg wie ein Trottel, wie ein Gestriger dastehen würde. Und so war es dann ja auch – auch wenn das Buch seine Leser im nationalkonservativen Milieu finden konnte, von dem sich Mann aber spätestens mit seiner Rede „Von deutscher Republik“ separiert hat. Vieles von diesem Konflikt ist bereits in der zweiten Hälfte des „Zauberbergs“ angelegt – in dem Streit zwischen den Figuren Ludovico Settembrini und dem religiös autoritären Leo Naphta. Thomas Mann selbst schlägt sich am Ende auf die Seite des Humanisten Settembrini – auf die Seite von Aufklärung, Demokratie und Fortschritt.
Und dort bleibt er dann bis ins Exil und darüber hinaus. Kann man diesen politischen Thomas Mann von dem Literaten trennen?
Das gehört bei Thomas Mann zusammen.
Obwohl er sich selbst dagegen gewehrt hat?
Ja, der arme Mensch! Das war zunächst genau sein Vorbehalt gegen die Demokratie: Er war der Meinung, dass sich dadurch die Politik in alle Lebensbereiche hineinfressen würde – bis ins Privateste, bis in die Literatur und die Kunst. Thomas Mann plädierte zunächst für eine unpolitische Kunst. Am „Zauberberg“ aber sieht man, dass dieser Roman am Ende ein hochpolitischer Text wird. Er hat danach noch viele solcher politischen Texte geschrieben. Man muss den politischen und den literarischen Thomas Mann also immer zusammendenken. Über seine literarischen Texte erarbeitet sich Thomas Mann stets eine politische Haltung – stellvertretend und ausgetragen über literarische Figuren. Am Ende gilt wohl auch für ihn, was er Ludovico Settembrini im „Zauberberg“ sagen lässt: „Es gibt keine Nichtpolitik. Alles ist Politik.“

Hysterie hat Konjunktur. In der Politik, der Wissenschaft, den Medien. Überall wird an der Erregungsschraube gedreht. Doch verlieren wir darüber nicht den Blick auf die Realität – und am Ende vielleicht sogar den Verstand?

Ein Zittern liegt über dem Land. Ein „Alarmismus“, wie es Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) jüngst in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung ausgedrückt hat. Er ist weder rechts. Er ist weder links. Er ist überall. Und ganz besonders natürlich ist er in Deutschland. „Deutschland ist mittendrin“, schreibt Weimer. Mitten in einer Erregungswelle, einer „freiheitsfeindlichen Übergriffigkeit“. Sie zeigt sich mittels Shitstorms. Wütet unter jakobinischem Getöse. Tobt mit selbstverliebter Ignoranz.

Jüngstes Opfer: ein harmloser Spielfilm, „Rote Sterne überm Feld“. Im Januar noch, während des Filmfestivals von Saarbrücken, hatte dieser eigentlich unpolitische Kriminalfilm der Berliner Regisseurin Laura Laabs die höchste Kritikerauszeichnung beim Max-Ophüls-Preis gewinnen können. Doch weil der im Sommer 2023 unter Vergewaltigungsverdacht geratene Rammstein-Sänger Till Lindemann gleich zwei winzige Gastauftritte in dem Streifen hatte, kam der Erfolg bald zum Erliegen. Schon im April, während des Festivals „Achtung Berlin“, sollte ein abermaliges Screening unterbunden werden. Aktivisten hatten die geplante Vorführung angeprangert. Wie so oft anonym übers Internet. Auch wenn das Ermittlungsverfahren gegen Lindemann bereits im August 2023 wegen eines fehlenden hinreichenden Tatverdachts eingestellt worden war. Empörung schlug Recht. Wieder einmal. Man einigte sich schließlich auf eine belehrende Rahmung: „Achtung Berlin“ zeigte „Rote Sterne überm Feld“ nur mit „entsprechender Anmoderation und anschließendem Q&A mit Expert:innen“.

Die Deutschen sind zerrissen

Es ist nur ein Fall unter vielen. Nur eine weitere Zuckung im deutschen Tremor. Zusammengenommen aber ist das längst mehr als ein Zipperlein. Eher schon zeigt der anhaltende Furor Zeichen einer ausgeprägten Hysterie.
Hier eine gecancelte Veranstaltung, dort ein Aufschrei, ein theatralisches Overstatement … Typisch deutsch, ist man geneigt zu sagen. Man erinnere sich nur an Hölderlin: „So kam ich unter die Deutschen. Ich forderte nicht viel und war gefasst, noch weniger zu finden.“
Wer kennt ihn nicht, diesen berühmten Anfang eines zum Glück nur fiktiven Briefes, den der württembergische Dichter 1799 seiner Romanfigur Hyperion in die Feder diktierte. Es ist nichts Gutes, was der vielleicht übersensible Autor da über seine Landsleute zu Papier gebracht hat: „Ich kann kein Volk mir denken, das zerrissener wäre, wie die Deutschen“, heißt es da; und weiter: ein Volk „in jedem Grad der Übertreibung […] beleidigend“.
Nun ist es mit Nationalcharakteren gewiss eine heikle Sache, doch liest man Hölderlins Worte heute, mehr als 200 Jahre nach ihrer Niederschrift, so gewinnt man zuweilen den Eindruck, es hätte sich im Laufe von Generationen nicht viel ereignet in den Regionen zwischen Nordsee und nördlichen Alpen, wo dieser eigentümliche Menschenschlag noch immer siedelt. Kaiser dankten ab, Kanzler verloren Misstrauensvoten – unter den stürmischen Oberflächen des Tagesgeschehens aber blieb die deutsche Seele von Extremen zerrissen. Und rastlos hing ihr Herz Übertreibungen nach.

Wann werden wir enden?

Die Erregung aus Anlass einer unbedeutenden Filmvorführung gehört da zum Glück noch zu den harmloseren Spielarten dieses deutschen Leidens. Und auch, wenn es sich oft an Banalitäten entzündet, richtig aufdrehen tut es erst da, wo es ums Substanzielle geht. Und darum geht es hierzulande ja stets. Was immer dem Deutschen nämlich droht oder was seine Seele betrübt, immer scheint die kommende Herausforderung die allerschlimmste zu sein, und jeder weitere Tag verkürzte nur die Strecke von hier bis zum Abgrund. Ein regelrechter Todestrieb scheint hier zu wirken, ein Verlangen, das bei der Wahl aus unendlichen Möglichkeiten stets das Worst-Case-Szenario herauspickt.

Denn der Deutsche hat Angst. Angst vor steigenden Lebenshaltungskosten, Angst vor der schlechten Wirtschaftslage, vor allem aber Angst vor der Angst. Das Meinungsforschungsinstitut Yougov offenbarte im Mai 2025, wie tief man hierzulande in den Abgrund zu starren geneigt ist: 59 Prozent etwa, so die Umfrage, haben Angst vor dem Ausbruch eines Dritten Weltkriegs. 43 Prozent fürchten die Wiedereinführung einer Diktatur. 64 Prozent das Ende der Demokratie.

Und wie in jeder sich selbst erfüllenden Prophezeiung kommt vielleicht bald auch wirklich der allerletzte Zipfel vom Ende. Die deutsche Neurowissenschaftlerin Maren Urner jedenfalls kennt schon jetzt den Tag, an dem man nach diesem wird greifen können. Das offenbarte sie vor geraumer Zeit bereits in der Talkshow von Markus Lanz. In exakt sechs Jahren, einem Monat und acht Tagen wird es wohl so weit sein. Und da Urners Vorhersage, die sie selbstverständlich präzise mit wissenschaftlichen Studien untermauern konnte, heute bereits einige Monate zurückliegt – sie hatte sie schon 2023 vorgetragen –, wird das Ende von jetzt an gerechnet noch schneller da sein. Der Grund liegt auf der Hand: die Klimakrise. Denn an jenem Tag X in der näheren Zukunft sei, so Urner, jenes CO2-Budget aufgebraucht, welches das Erreichen der UN-Klimaziele heute noch möglich machen könnte.
Noch nie schien Gefühlswallung derart kühl auf mathematischer Logik zu fußen. Dabei hätte man natürlich auch von alleine drauf kommen können: Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen), 2021 noch Spitzenkandidatin ihrer Partei bei der damaligen Bundestagswahl, hatte bereits vor vier Jahren vorhergesagt, dass die nächste Regierung (gemeint war die kurz darauf ins Amt kommende Ampelregierung) die letzte sein werde, „die noch aktiv Einfluss auf die Klimakrise nehmen“ könne. Mithin: Die Regierung unter Friedrich Merz muss es gar nicht mehr versuchen. Ende Gelände. Auch das so eine erschreckend schöne deutsche Redensart.

Der Teufel sitzt immer mit am Tisch

Die Utopie des Unglücks nimmt also abermals Anlauf. Wie hieß es schließlich schon in dem NS-Propagandafilm „Morgenrot“: „Zu leben verstehen wir Deutschen vielleicht nicht; aber sterben, das können wir fabelhaft.“ Und weil niemand für sich alleine sterben will, nimmt man den Rest der Welt diesmal vielleicht einfach gleich mit. Die Doomsday-Uhr der britischen Zeitschrift Bulletin of the Atomic Scientists, die seit 1947 die Ankunft des anthropogenen Endgerichts vorhersagt, steht seit Januar ohnehin auf 89 Sekunden vor Mitternacht. Eine atemberaubende Synchronizität übrigens zur Zeitansage der deutschen Demokratiefürsorge. Dort heißt es seit letztem Jahr: „5 vor 1933“.

Da zuckt der Rest der Welt vielleicht nur gelangweilt mit den Schultern, doch auf unserer Seite des Ärmelkanals reicht ein Schmetterlingsschlag, um Code Red auszulösen. Ein schneller Blick in deutsche Zeitungen bringt es denn auch an den Tag: „Immer mehr Prepper bereiten sich auf den Untergang vor“, titelte jüngst eine in Berlin erscheinende Wochenzeitung und beschrieb unter der reißerischen Überschrift, wie ein drohender Zusammenbruch der Zivilisation die apokalyptische Reiterei zum deutschen Volkssport erheben könnte.

„Die Deutschen“, meint denn auch der dänische Journalist Anders Ellebæk Madsen, „betrachten die Dinge immer wieder mit einer eigentümlichen Überspanntheit.“ Man könne das bei fast allen Themen beobachten. Egal ob Klima, Rechtspopulismus, Migration, Ukraine: Oft verliefen deutsche Debatten wie im Fieber. „Immun oder Tod!“, lautete schließlich schon ein beliebter Schlachtruf während der zurückliegenden Corona-Krise.
Warum diese Überspanntheit aber immer wieder an deutsche Türen anklopft, darüber kann der studierte Germanist, der als Ressortleiter für die Kopenhagener Zeitung Kristeligt Dagblad arbeitet, nur spekulieren: „Es ist, als säße in Deutschland immer gleich der Teufel mit am Tisch“, sagt Madsen. Und mit dem sei nicht gut Kirschen essen. Weshalb er umgehend verbannt werden müsse. Man könne, sagt Madsen, diesen moralinsauren Reinheitszwang vielleicht schon in der deutschen Geschichte ausmachen: In kaum einem Land Europas etwa seien die Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit derart ausschweifend gewesen wie in Deutschland. Keine Nation, die auf Ketzer und Kritiker noch heute derart allergisch reagiere wie die „Tyskerne“, wie die südlichen Nachbarn von jenseits der dänisch-deutschen Grenze heißen.

„Angst vor dem Pakt mit dem Bösen“

Sigmund Freud, der Urvater der Hysterie, würde Madsen vielleicht recht geben. In seinem 1908 erschienenen Aufsatz „Charakter und Anal­erotik“ beschreibt der Professor aus der Wiener Berggasse, wie eine übermäßige Sauberkeitserziehung im späteren Leben zu Trotz, Wut und Eigensinn führen könne.
Sein Schüler Erich Fromm übertrug diese Gedanken bald aufs Kulturelle. Seiner Meinung nach habe der deutsche Kleinbürger einen dezidiert „analen Charakter“. Das fast schon sprichwörtlich gewordene Klopapierhamstern der Deutschen während der Corona-Krise gibt der These zumindest eine humorige Evidenz.
Es ist natürlich nur eine Vermutung, doch auch für Anders Ellebæk Madsen scheint der Deutsche Probleme mit Schmutz und Übertretung zu haben. Aus der daraus resultierenden Angst vor dem Pakt mit dem Bösen scheint sich ein bis heute durchziehender Politikstil zu ergeben: „Man hat in Deutschland eigentlich ein tiefes Bedürfnis nach Konsens und Konformität“, glaubt der 54-jährige Madsen. „Schnell ensteht in der Debatte Einigkeit darüber, was eine sozial akzeptable Haltung ist.“
In Dänemark jedenfalls empfinde man es oft als unversöhnlich, wie die Deutschen ihre Probleme zu meistern versuchen: „Man muss doch mit jenen sprechen, mit denen man uneinig ist. Den mit der gleichen Meinung hat man ohnehin überzeugt.“ Der Deutsche aber werde bei gegenteiligen Ansichten oft erst so richtig prinzipienfest, zuweilen geradezu religiös. Schnell ist man dann beim Vokabular der Sünde: Kontaktschuld heißt bei uns der Frevel der Leichtfüßigen, die noch immer an so etwas wie ergebnisoffene Debatten glauben. Politik aber lebt eigentlich von Austausch. In Dänemark hat man für diese Erkenntnis ein schönes Wort: „Samtaledemokrati“. In Deutschland hat man auch ein Wort: „Brandmauer“. „Das klingt, als würde man fürchten, in einer riesigen Feuersbrunst unterzugehen.“

Die Sucht nach Extremen

Dabei ist Anders Ellebæk Madsen gewiss nicht der Erste, der von jenseits einer deutschen Grenze mit ziemlichem Unverständnis auf die emotionale Überspanntheit drüben beim größeren Nachbarn blickt. Der ungarische Sozialpsychologe und Politiker István Bibó etwa, während des Ungarn-Aufstands von 1956 zeitweilig Staatsminister von Imre Nagy, hatte bereits Anfang der 1940er Jahre ein Buch geschrieben, in dem er die eigentümliche „Deformierung der deutschen Gesinnung“ zu analysieren versucht hat. Und egal, wie man zu Bibós Gedanken heute im Einzelnen stehen mag, der Titel des Werkes überzeugt noch immer: „Die deutsche Hysterie. Ursachen und Geschichte“.

Bibós Grundthese ist schnell erzählt: Der deutsche Sonderweg nach der Französischen Revolution habe diesseits des Rheins eine Art kollektiver Hysterie befördert; eine „deutsche Raserei“, wie der Autor es nennt. In ihrer Folge sei es zu Unterlegenheitsgefühlen, aber auch zu übersteigertem Selbstbewusstsein gekommen. Ein zerrissenes Volk eben, wie schon Hölderlin meinte. Und während Deutschland derart zwischen den Extremen baumelte, sei es laut Bibó immer häufiger zu einer fehlerhaften Wahrnehmung der Realität gekommen.
Auf dem Feld der Kultur mag diese Verzerrung vielleicht zuweilen sogar produktiv gewesen sein, auf dem Gebiet des Politischen aber kann die Sucht nach den Extremen verheerend sein. Wer immer nur in den Randlagen turnt, verliert am Ende das Gefühl für Mittelwerte und Nuancen. Wolfgang Kubicki (FDP), der 35 Jahre lang als Abgeordneter in verschiedenen Parlamenten gesessen hat, kann das bestätigen: Jeder Schnupfen sei mittlerweile gleich Grippe, jede Verstimmung Depression. Während der Corona-Krise, so ist der stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP überzeugt, habe sich die Hysterisierungsspirale nur noch schneller und höher gedreht. Wer anderer Meinung war, wurde ans Kreuz genagelt. Spätestens hier also hätten wir uns von einer rationalen hin zu einer emotionalen Debattenkultur entwickelt. Weg von Argumenten, hin zu emotionalisierten Haltungsfragen.

Hypersensibel und überdehnt

„Man ist jetzt unglaublich schnell auf Betriebstemperatur“, sagt Kubicki, der in der Vergangenheit stets vor hysterischer Überdehnung gewarnt hatte – sei es, wie zuletzt, in der Debatte um einen besseren Schutz des Bundesverfassungsgerichts vor „demokratiefeindlichen Kräften“ oder in Bezug auf die seiner Meinung nach einseitige politische Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: Während die Wogen oft bereits hochschlugen, blieb der Norddeutsche kühl und geerdet.

Irgendwas, so ist sich Kubicki sicher, hat sich verändert. In der Bevölkerung, aber auch unter Politikern. Man könne das etwa an den Ordnungsrufen sehen, die während der zurückliegenden Wahlperiode vom Präsidium des Deutschen Bundestags getätigt wurden. Damals war Kubicki noch Vizepräsident des Hohen Hauses. Allein im Jahr 2023, so sagt es die Statistik der Bundestagsverwaltung, sei es zu mehr Ordnungsrufen gekommen als in der gesamten Wahlperiode zuvor. Von „Reizstimmung unter der Reichstagskuppel“ sprach in diesem Zusammenhang einmal die Süddeutsche Zeitung. Wolfgang Kubicki sieht das weit differenzierter: „Ich habe mir damals nach den Sitzungen oft die Zeit genommen, um mir Sitzungsprotokolle aus den 1960er und 1970er Jahren durchzulesen. Wenn man auf diese historischen Debatten mit den Maßstäben der Gegenwart reagieren müsste, dann hätte man bei jedem zweiten Satz einen Ordnungsruf erteilen müssen.“
Vielleicht sind wir also nicht wirklich ruppiger, sondern allenfalls hypersensibel geworden? Wolfgang Kubicki kann das bestätigen: „Wenn man heute schon die Tatsache rügen soll, dass jemand aus der AfD-Fraktion unflätig in einem Sessel sitzt, während ein Abgeordneter der Grünen redet, dann sind die Maßstäbe vollkommen ins Rutschen geraten.“

Soziale Medien spielen eine enorme Rolle

Sollten wir also alle besser mal wieder runter von den Bäumen kommen? Gute Idee. Man würde ja gewiss auch gerne. Doch wie soll das gehen, wenn zeitgleich die parlamentarische Nebenfrau Tiktok-tauglich auf die Barrikaden ruft? Muss man da nicht reagieren, solange der Reiz noch warm und der eigene Smartphone-Akku betriebsbereit ist?

Helge Lindh, seit 17 Jahren Abgeordneter für die SPD und nahezu im gesamten Parlament als brillanter Rhetoriker geschätzt, weiß nur zu gut, dass die Digitalisierung das politische Klima verändert hat. Was ist heute schon gute Rhetorik in Anbetracht eines wackelnden Reels auf Social Media? Und was zählt ein Argument, wenn es nicht emoji-tauglich „verhashtagt“ werden kann? „Das ist zuweilen durchaus niederschmetternd“, gesteht Lindh, der als studierter Philologe zu den wenigen Geisteswissenschaftlern im Bundestag zählt.

Die Hyperemotionalisierung von Politik und die algorithmische Logik hätten dazu geführt, dass die Kraft des Arguments heute meist hinter der Emotion zurücktreten müsse. Das sei „mitlaufende Grundfrustration“ sagt Lindh, der dennoch vor Kulturpessimismus warnt. In der Politik sei es vermutlich noch nie ausschließlich um inhaltliche oder fachliche Stärke gegangen. Der herrschaftsfreie Diskurs sei eine hübsche Idee, aber auch Illusion.
In der Heimat von Gadamer, Luhmann und Habermas, in der – so will es ein schönes Klischee – einst einzig der „eigentümlich zwanglose Zwang des besseren Arguments“ die Debatte führte, ist es mit der diskursiven Nüchternheit zumindest fürs Erste vorbei.
Dabei, so Lindh, habe die uns eigentlich immer gutgetan. Doch was hilft Melancholie. Jetzt herrschen halt aufgescheuchte Hähne und Hühner. Abgeordnete, die, wie die Linken-Politikerin Cansin Köktürk, „Palestine“-Shirts zur Debatte tragen; Parteivorsitzende, die, wie Jan van Aken (Die Linke), ihre Konkurrenz von der anderen Saalseite als „Machos“ oder „Eierkrauler“ schmähen; Nachwuchshoffnungen, die, wie Jette Nietzard (Bündnis 90/Die Grünen), ihre Gesinnung auf Pullunder drucken. Und dazwischen immer wieder klagefreudige Politikprofis, die wegen echter oder auch nur gefühlter Beleidigungen bis vors Gericht ziehen. In der Ökonomie der Aufmerksamkeit zahlt das auf die „Likeability“ ein – weit mehr zumindest als eine argumentativ sauber gearbeitete Parlamentsrede. Vorbei also sind die Tage, in denen die alte Bundesrepublik „reine Gesellschaft“ war, wie es der Historiker Dan Diner jüngst so nostalgisch-verschwärmt in der FAZ zu Protokoll gegeben hat.

Glatt statt kantig

Jetzt ist Deutschland reines Gefühl. Keine Erregung, die nicht nervös über Instagram „ausperformt“ werden kann, kein emotionales Kribbeln, das sich nicht noch via X und Bluesky bewirtschaften ließe. „Fühl ich!“, lautet denn auch der Solidaritätszuschlag, der heute zu jeder Diskussion hinzugereicht wird. Und so sehr die Kritik an der Klick-Geilheit des politischen Endverbrauchers auch zum kalten Klischee geronnen ist, so sehr trifft sie doch den Kern der Sache.

Der Heidelberger Psychiater und Psychoanalytiker Günter H. Seidler, der seit langer Zeit schon zu Hysterie und ihren Ursachen forscht, sieht genau in solchen Phänomenen ein Indiz dafür, dass wir als Gesellschaft vielleicht wirklich immer hysterischer werden. Der Hysteriker, sagt Seidler, hat keinen körperbasierten Zugang zu seiner eigenen Emotionalität. Gefühle würden daher immer eher gespielt, als dass sie wirklich erlebt würden. „Das passt zu einer Gesellschaft, die Inhalte immer öfter durch Performance ersetzt und die ihren Körper gegen Virtualität eintauscht.“

Doch anderes komme noch hinzu. Seidler nennt es die „Abwehr von Aggressionen, Sexualität oder Schulderleben“. Seiner Beobachtung nach haben derlei Phänomene in den vergangenen Jahren auch auf gesellschaftlicher Ebene stark zugenommen: Auf der einen Seite erlebten wir die neoliberale Ellenbogengesellschaft, auf der anderen Seite wollen wir auf Teufel komm raus „lieb zueinander“ sein. Und ähnlich zerrissen sei das auf dem Gebiet der Sexualität. Glattrasiert statt wirklich schmutzig. Selbst in der Psychoanalyse, klagt der erfahrene Analytiker, der über viele Jahre hinweg die Abteilung für Psychotraumatologie an der Universitätsklinik Heidelberg geleitet hat, spiele Sexualität heute kaum noch eine Rolle.
So soll möglichst alles Wilde verschwinden. Alles mit Ecken oder Kanten muss weg. Und was wäre schon kantiger als inhaltsbasierter politischer Streit, fragt Seidler, der zugleich aber einräumt, dass es nicht unproblematisch ist, wenn man Begriffe aus einem klinischen und individuellen Kontext auf gesellschaftliche Prozesse überträgt. Und doch, etwas sei wirklich auffällig: Je mehr der Begriff der Hysterie in den letzten Jahren aus der psychologischen Diagnostik verschwunden sei – obwohl Hysterie bei Männern wie Frauen auftreten kann, hatte sie stets einen misogynen Beiklang –, desto mehr tauche er im gesellschaftlichen Rahmen wieder auf. „Der Vordergrund verschwimmt mit dem Hintergrund“, zeigt sich Seidler überzeugt. Totzukriegen jedenfalls ist die Hysterie nicht. Im Gegenteil: Vermutlich lässt sie sich nicht einmal gänzlich therapieren.

Angst hat eine Schutzfunktion

Da ist es denn auch kein Wunder, dass wir aus all den überstandenen Katastrophen der Vergangenheit irgendwie nicht schlau werden wollen. Wir haben den Millennium-Bug und das Waldsterben überlebt, das Ozonloch, den Kalten Krieg und die Corona-Pandemie. Doch lieber bereiten wir uns nun auf den kommenden Hitzetod vor, als dass unser Sympathikus mal zur Ruhe käme. Doch wenn schon der Punk „No Future“ hatte, warum dann bis jüngst noch eine „Letzte Generation“?

Die übrigens, die Endzeitjünger, die hat es nämlich nach Meinung von Thomas Brussig schon immer gegeben. Zu allen Zeiten, sagt der Autor von Bestsellern wie „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ und „Wie es leuchtet“, habe es auch Menschen gegeben, die der festen Überzeugung anhingen, dass die nächste Herausforderung nun aber wirklich nicht mehr zu schaffen sei. Und weil sich auch Brussig als eher „ängstlichen Typen“ bezeichnet, hat er aus der Not eine Philosophie gezimmert. Brussig ist nämlich Urheber einer Art Kategorischen Imperativs für die trügerischen Tage der Vorendzeit. Sicher ist schließlich sicher! „Jede Bedrohung sollten wir so behandeln, als wenn sie uns tatsächlich umbringen könnte“, meint Brussig. Dann, so ist er überzeugt, werde schon alles gut gehen.

Der heute 60-Jährige, der im vergangenen Jahr mit „Meine Apokalypsen“ ein Debattenbuch für den hiesigen Untergangs-Blues vorgelegt hat, weiß zu gut, dass mit tief sitzenden Ängsten nicht zu spaßen ist: HIV, BSE, SARS … Irgendwann, scherzt Brussig, käme schon die Abkürzung, die auch dich das Fürchten lehre. Ob das spezifisch deutsch sei? Zumindest sei es nicht ehrenrührig. Die „German Angst“ hat schließlich schon andere befallen. Der Schriftsteller Thomas Wolfe zum Beispiel, ein Amerikaner mit deutschen Wurzeln, schrieb bereits in den 1930er Jahren von einer „seelischen Fäulnis“ und von der „Seuche einer ständigen Furcht“, unter der die Deutschen litten.
Man dürfe sich von einer solchen Angst nur nicht umbringen lassen, meint Thomas Brussig. Statt mit der großen Dispens hält es der Schriftsteller daher lieber mit der Dialektik. Beispiel Atomangst: „Vielleicht waren die deutschen Atomkraftwerke ja auch nur deshalb so sicher, weil die zuweilen gewiss bis zur Hysterie gesteigerte deutsche Angst vor dem GAU sie so sicher hat werden lassen.“

Deutschland macht sich zum Problemfall

Ob Thomas Brussig mit seiner Vermutung recht hat? Man wird es so schnell wohl nicht erfahren. Am Ende nämlich ist die deutsche Atomangst derart gewaltig geworden, dass gleich mehrere Regierungen den Stecker ziehen mussten. Zunächst beschloss die rot-grüne Koalition unter Gerhard Schröder im Jahr 2000 den sogenannten Atomkonsens, dann wurde dieser zehn Jahre später mit der sogenannten Laufzeitverlängerung unter Angela Merkel wieder rückgängig gemacht, nur um ein Jahr darauf erneut in den Status quo ante zurückgeschaltet zu werden. Den Rest erledigte die letzte Ampelregierung. Seither ist Deutschland um eine Angst reicher: „Blackout!“, hallt es nun hysterisch aus dem Blätterwald.
Für den FDP-Granden Wolfgang Kubicki, dessen Partei an dem ganzen Atom-Hickhack durchaus einen Anteil hat, ist ein derartiges Vorgehen wieder einmal typisch und sagt viel über den Stand der politischen Debatte im Land aus: „Wir sind halt wirklich permanent im Ausnahmezustand“, fühlt er sich bestätigt. Und das ganze Hü und Hott mache es nur noch schlimmer. Bei so vielen Extremen sei eine nüchterne politische Debatte kaum noch möglich. Man denke nur mal an die Auseinandersetzung um die Bundeswehr: War die deutsche Armee bis gestern noch eine „kaputtgesparte Truppe“, so träumt Bundeskanzler Merz jetzt von der „konventionell stärksten Armee Europas“. So zumindest hat er es in seiner ersten Regierungserklärung am 14. Mai vor dem Deutschen Bundestag gesagt. Mittelmaß? Vollkommen undenkbar. „Wir echauffieren uns hier immer, wenn Donald Trump ,America First!‘ ruft“, spitzt Wolfgang Kubicki das deutsche Ambivalenzgefühl pointiert zu. Dabei seien es doch eigentlich wir, die überall die Ersten und die Besten sein wollen.
Vielleicht aber sind wir auch einfach nur vollkommen normal. Bestenfalls globaler Durchschnitt. Und selbst das Gerede von der „typisch deutschen Übertreibung“ ist am Ende auch nur Übertriebenheit. Eines ist jedenfalls gewiss: In kaum einem anderen Land der Welt macht man sich so sehr zum Problemfall wie hierzulande. Das ist gewiss etwas typisch Deutsches.

Illustration: Marie Wolf

Vor 150 Jahren wurde C.G. Jung geboren. Sein Werk ist ein Appell zur Rettung der Tiefenschichten im Menschen. Jungs Warnung vor einer Welt der kalten Rationalität ist daher aktueller denn je.

Der Tod ist nur ein Sprung über eine unsichtbare Grenze hinweg. Für C.G. Jung, dem neben Sigmund Freud und Alfred Adler gewiss wichtigsten Psychoanalytiker des 20. Jahrhunderts, war das ganz selbstverständlich: Sterben war für ihn nur der Übergang in einen anderen Bewusstseinszustand. „Ich habe gute Gründe anzunehmen, dass die Dinge mit dem Tod nicht zu Ende sind. Es scheint, als sei das Leben ein Zwischenspiel in einer langen Geschichte“, bekannte der Schweizer Psychiater und Sohn eines reformierten Theologen am 19. November 1955, gut sechs Jahre vor seinem tatsächlichen Tod, in einem Brief an eine unbekannte Adressatin: „Diese Geschichte bestand schon, bevor ich war, und wird höchstwahrscheinlich weitergehen, wenn das bewusste Intervall in einer dreidimensionalen Existenz zu Ende ist.“

Ob es für C.G. Jung tatsächlich weiterging, nachdem er am 9. Juni 1961 im Alter von 86 Jahren in Küsnacht am östlichen Ufer des Zürichsees verstarb, das weiß, wenn überhaupt, nur er allein. Für die Nachwelt ist der am 26. Juli 1875 geborene Carl Gustav Jung ohnehin längst unsterblich geworden. Nicht nur hat er mit seiner Analytischen Psychologie eine der großen Strömungen der Tiefenpsychologie geformt, er hat auch, wie sonst wohl kein zweiter Denker seiner Zunft, die Psychologie mit kulturellen Unterströmungen seiner Zeit sowie mit anderen Wissenschaften ins Gespräch gebracht. „Jung war es, der eine Verbindung zwischen Religion, Psychologie und Astrologie herstellte, deren Einfluss bis heute spürbar ist“, schrieb vor einigen Jahren der deutsch-niederländische Religionswissenschaftler Kocku von Stuckrad über den einstigen Präsidenten der Internationalen Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie.

Vordenker der Bilder

Ganz besonders fruchtbar aber war Jungs Brückenschlag zur Kunst und zu den modernen Bildwissenschaften. Wie sonst vielleicht nur Aby Warburg mit seinem unvollendeten „Mnemosyne-Projekt“ war Jung in seiner unermüdlichen Symbolforschung und Archetypenlehre bemüht, hinter das archaische Geheimnis menschlicher Bildvorstellungen und Mythen zu schauen. )In dieser Hinsicht glaubte er an eine Re-Romantisierung der Welt. Es waren die kollektiven Bilder, die unbewussten Inhalte unserer Psyche, die ihn als medizinischen Psychologen vor allem interessierten. Allein die Liste seiner Patienten zeugt daher noch immer von einem lebenslang anhaltenden Interesse für die symbolische Verschlüsselung unserer Wirklichkeit: Denn nicht nur interessierten sich prominente Schriftsteller wie Hermann Hesse oder H.G. Wells für die Salutogenese in Jungs nobler Privatpraxis nahe Zürich, auch pilgerten immer wieder Künstler und Kreative in seine Ordination, wo sie von einer lateinischen Inschrift begrüßt wurden, die der von Spiritismus, Alchimie und religiösen Geschichten tief bewegte Analytiker gleich über dem Hauptportal hatte anbringen lassen: „Vocatus atque non vocatus deus aderit“ – Gerufen oder nicht gerufen wird Gott da sein. Auch jenseits der existenziellen Grenze wirkte diese Hoffnung, die er einem Orakelspruch aus dem Apollontempel in Delphi entnommen hatte, bei ihm nach: Denn die in dem Satz mitschwingende metaphysische Tröstung gefiel ihm derart gut, dass er sich später auch noch auf seinem Grabstein ihrer erinnern wollte.
Sinnliches und Übersinnliches, Psychologie und Parapsychologie: Bei wohl sonst keinem Forscher am Unbewussten des Menschen gingen diese eigentlich getrennten Sphären derart gut zusammen wie bei Carl Gustav Jung. In dieser Hinsicht stand der Schweizer Analytiker zeitlebens quer zu seinem langjährigen Mentor und Freund Sigmund Freud, dem Super-Ego der psychoanalytischen Bewegung. An der Frage nach dem Eingehängt-Sein des Menschen in ein größeres Ganzes nämlich rieben sich die beiden Denker zeitlebens auf, und an dieser Frage überwarfen sie sich am Ende auch. Der eine sphärisch, der andere fleischlich-libidinös. Dieser religiös, jener bis ins zuweilen Unerbittliche spirituell unmusikalisch.

Magier der Moderne

Während Freud also sein Interesse an Jung verlor – 1913 kündigte er ihm sogar ganz offiziell die Freundschaft –, entdeckten besonders die europäischen Avantgarden ihre Liebe zu den kunstaffinen Theoremen des Schweizer Professors. Gerade dessen Interesse an der tief verankerten Schöpferkraft im Menschen, an einem Unbewussten, das im Gegensatz zur freudschen Theorie immer auch kollektiv zu denken war, aber auch Jungs Begeisterung für Alchimie und Magie sowie seine okkulten Tiefenbohrungen auf der Suche nach dem Ursprung unserer Symbole machten ihn für Surrealisten wie Symbolisten interessant. Und diese eigenwillige Faszination war beidseitig. Während sich Künstler wie Max Ernst oder Hans Arp von der Psychologie der Jungianer immer mehr beeindrucken ließen, veröffentlichte Jung in späteren Jahren Aufsätze über Picasso, Joyce und andere Magier der Moderne. Denn hier wie dort hatte man verstanden, dass Symbole nicht einfach nur hübsche Bildwerke waren. Sie waren, wie Jung in seinem Standardwerk „Der Mensch und seine Symbole“ schrieb, „Ausdrucksformen von etwas viel tieferem: Der menschlichen Seele“.
Doch allmählich schien dieses „viel tiefere“ aus der Welt zu verschwinden. Denn sämtliche Bilder schienen in Auflösung zu sein. Kaum ein Denker des 20. Jahrhunderts hat diese Tatsache so pointiert beschrieben wie C.G Jung. Und kaum jemand hat auch derart prophetisch auf die Risiken und Gefahren hingewiesen, die eine möglicherweise bald schon bilderlose Welt bereithalten könnte. Das Symbol, so schrieb Jung bereits 1921 in „Psychologische Typen“, sei nur lebendig, solange es bedeutungsschwanger sei. Und in diesem Zustand eben scheint es mittlerweile immer weniger zu sein. Für Jung war dies der Preis einer durchrationalisierten Moderne, in der Symbole und archetypische Bilder immer mehr aus der menschlichen Seele emigrierten.
Und so zog er in einem kurz vor seinem Tod im Jahr 1961 erschienenem Aufsatz namens „Die Rolle der Symbole“ ein Fazit, das heute vielleicht noch erschreckender klingen mag als damals: „Unsere Zeit hat deutlich gemacht, was es heißt, wenn die Pforten der Unterwelt geöffnet werden“, heißt es da. Und geöffnet werden diese immer dort, wo man der Welt ihre psychische und symbolische Bedeutung wegnimmt: „Wir haben alle Dinge ihres Geheimnisses und ihrer Numinosität beraubt, uns ist nichts mehr heilig“, so Jungs große Trauer über eine Welt ohne Unterwelt. Und etwas weiter schreibt er: „In dem Maße, wie unser wissenschaftliches Verständnis zugenommen hat, ist unsere Welt entmenschlicht worden.“
Für Jung misst sich diese Entmenschlichung an der Preisgabe der Tiefenschichten unserer Existenz, an der Opferung unserer Bilder, Mythen und Sehnsüchte und am endgültigen Sieg eines nackten Verstandes. Er schrieb diese Zeilen in der Mitte eines Jahrhunderts, welches möglicherweise nur die Ouvertüre zu jener Ära bildete, die sich heute vollends an Szientismus und an kalte, weil technisch fingierte Rationalität verkauft hat. Ein Computer jedenfalls träumt nicht. Und das Metaversum wirft keine Schatten. Ein Leben aber ohne derlei Tiefenschichten der Existenz, so lautet die immer noch nachhallende Warnung aus dem Werk eines der wichtigsten Väter der analytischen Psychologie, ist ein Leben auf der brüchigen Kante eines Abgrunds.

Kunst ist absolute Freiheit. Kaum ein Künstler lebt diese Haltung derart radikal wie Jonathan Meese. Dies drückt er aus mit Malerei, Bildhauerei und Performancekunst. Ein Gespräch über Bayreuth, Cancel Culture und die Selbstreinigung des Herzens. Ein Besuch.

Jonathan Meese zählt zu den wichtigsten deutschen Künstlern der Gegenwart. Der 1970 in Tokio geborene Maler, Bildhauer und Performancekünstler versteht sich selbst als Gesamtkunstwerk, dessen Ziel letztlich die „Diktatur der Kunst“ ist.
Herr Meese, wir sitzen hier an einem Ort, an dem wir vor zehn Jahren schon einmal zusammensaßen: in Ihrem hellen Atelier am Rande des Prenzlauer Bergs. Wenn ich heute an dieses erste Treffen zurückdenke, dann werde ich das Gefühl nicht los, dass mir heute ein sehr veränderter Jonathan Meese gegenübersitzt. Vor zehn Jahren waren Sie sehr damit beschäftigt, die Wunden von Bayreuth zu versorgen. Sie waren wütend und empört. Jetzt sitzt hier ein Mann, der ganz in seiner Mitte zu sein scheint. Was ist in der Zwischenzeit passiert?
Irrsinnig viel. Zuletzt ist vor einigen Monaten meine Mutter gestürzt. Sie musste ins Krankenhaus und dort operiert werden. Sie ist jetzt 95. Da ist jede Narkose natürlich ein Risiko. Das hat mich kalt erwischt. Aber es hat mich auch verändert. Dieses Ereignis hat alle Teppiche unter meinen Füßen weggezogen. Und beim Wegziehen dieser Teppiche habe ich die Falltüren gesehen, die darunter liegen. Unter den Teppichen unseres Lebens befinden sich ja unzählige Türen. Überall. Durch dieses einschneidende Ereignis durfte ich sie erkennen.

Sie haben mal behauptet, dass Kunst auch die Freiheit von der Realität einschließe. Hat der Sturz Ihrer Mutter also dazu geführt, dass Sie zum ersten Mal die Schwerkraft gespürt haben? Die Erdverwachsenheit, der man selbst in der Kunst nicht entkommen kann?
Absolut. Es gibt im Leben eines jeden Menschen weitere Menschen. Menschen, die vermutlich vor einem gehen werden. Und in diesem Moment, in dem meine Mutter da morgens vor mir lag, hätte es so weit sein können. Doch der Kreis des Lebens hatte sich zum Glück noch nicht geschlossen. Und dafür bin ich sehr dankbar. Denn ich will ja, dass meine Mutter noch die Diktatur der Kunst miterlebt. Sie soll das Gesamtkunstwerk Deutschland sehen. Diese geilste Innovation, die man sich überhaupt vorstellen kann, muss man allen Müttern gönnen.
Warum ist die Diktatur der Kunst denn bis dato ausgeblieben – Sie hatten sie doch ursprünglich schon für das Jahr 2023 vorhergesagt?
Das stimmt. Aber das habe ich damals auch nur gesagt, weil ich das irgendwie witzig fand. In Wahrheit ist es natürlich so, dass seither alles in der Welt nur noch scheußlicher geworden ist. Und wenn wir uns jetzt nicht langsam am Riemen reißen, dann wird alles vermutlich noch um einen weiteren Dreh schlimmer. Dann tanzen wir bald vor echten Diktatoren.

Die Kunst lässt sich nicht zwingen. Auch nicht von Jonathan Meese. War vielleicht auch dieses Ausbleiben Ihrer ursprünglichen Vorhersage mit ein Grund dafür, dass Sie inmitten unserer turbulenten Zeiten so gelassen geworden sind? Man kann die wesentlichen Dinge halt nicht verändern oder gar herbeidiktieren.
Das mag ein Grund dafür sein. Doch ich habe ja schon vor 15 oder 20 Jahren davor gewarnt, dass die Freiheit der Kunst in Gefahr geraten, die Politik schrecklich und die Religion fürchterlich werden wird. Damals wurde ich dafür ausgelacht. Jetzt merken immer mehr Menschen, dass es sich genau so entwickelt. Damals haben alle auf dem Vulkan getanzt. Niemand wollte die Kulturparty stören. Ich hingegen war das Rumpelstilzchen. Ich war der Wüterich. Ich habe die Party gestört. Heute wird das immer mehr verstanden – nicht unbedingt in der Kulturszene, dafür aber außerhalb dieser Käseglocke. Innerhalb der Kulturblase können die Leute natürlich nicht über ihren Schatten springen. Sie können nicht sagen: „Es war richtig. Die Freiheit war gefährdet, und wir haben einfach weitergetanzt.“ Spätestens jetzt aber sollte die Musik mal stoppen. Sonst wird es echt gefährlich.
Wie aber sind die aktuellen Krisen denn vereinbar mit Ihrer Verheißung von den besseren Zeiten im „Gesamtkunstwerk Deutschland“? Erleben wir aktuell nur den Geburtsschmerz Ihrer einstigen Utopie – frei nach Hölderlin: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“?
In der Tat, wir müssen jetzt noch einmal durch dieses Tal der totalsten Lächerlichkeit hindurch. Dann aber wird es hoffentlich aufklaren. Doch wenn wir jetzt die Vorzeichen nicht ändern, werden wir untergehen. Schauen Sie doch hin: Alles, was man sieht, ist von gestern! Cancel Culture, Gendern, Kriegsgeschrei, Zynismus, Kindergurus, Fridays for Future … Das hat alles keine Relevanz mehr. Mich jedenfalls interessiert das überhaupt nicht. Wir müssen endlich zu neuen Ufern kommen. Ich bin dafür, dass wir das deutsche Verfassungsgericht anrufen, damit es Schritt für Schritt alle Parteien, alle Religionen in Deutschland verbietet. Damit wir wieder frei aufspielen können und damit wir wieder loslegen können. Wir brauchen gar keine Parteien. Es ist over, es bedeutet nichts mehr.

Das oberste Gericht soll uns dabei helfen, Tabula rasa zu machen?
Das Verfassungsgericht ist spitze, das ist toll. Das ist eine Instanz, der ich wirklich vertraue. Ich durfte mal einen Jour fixe machen und habe vor denen gesprochen – und die waren wahnsinnig interessiert, offen, super lustig, ironisch und wahnsinnig kindlich auch. Wir müssen weg von den Dauererregungszuständen und dem Empörungs-Viagra. Das geht ja bis in den Bundestag. Diesen dauererregten Abgeordneten kann ich nicht mehr zuhören. Die hauen sich ja nur noch Klosprüche um die Köpfe. Das hat sich überlebt. Ist absolut tot und führt zu gar nichts. Und im Kunstbetrieb ist das genauso: Die Kunst ist so schwach wie nie zuvor. Sie muss jetzt raus aus dem Tal der Harmlosigkeit. Es gibt fast nur noch Dekoration oder Politaktivismus. Beides hat keine Zukunft.
Wie dekorativ die Kunst tatsächlich geworden ist, das mussten Sie 2014 am eigenen Leibe erfahren. Sie sollten 2016 eigentlich den Parsifal auf dem Grünen Hügel in Bayreuth inszenieren. Alles war bereits vorbereitet, da erhielten Sie unverhofft die Kündigung. Kostüme und Bühnenbild seien nicht finanzierbar, hieß es damals aus dem Festspielhaus. Was waren die wirklichen Gründe hinter der Absage?
In Bayreuth hatte man schlicht Schiss vor meiner Inszenierung. Das passte nicht in ihr Weltbild. Die damalige Entscheidung hatte entgegen den offiziellen Statements nichts mit Geld zu tun. Das hat man mittlerweile ja sogar offen zugegeben. So hat man letztlich Großes verspielt. Mit dieser Haltung ist Bayreuth in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Das ist eine Kulturkäseglocke, unter der man nur noch die eigenen Dämpfe einatmet.

Ich meinte anfangs ja bereits, dass Sie heute viel gelassener erscheinen. Aber verursacht das bei Ihnen zuweilen nicht auch Häme, wenn Sie jetzt in der Zeitung lesen, dass allein schon der Vorverkauf für die Festspiele immer schleppender über die Bühne geht? 
Nein, es tut mir wahnsinnig leid. Vor allem um Richard Wagner und um das Potenzial von Bayreuth. Diese Leute dort begreifen Wagner nicht. Sie verstehen seine Radikalität und seinen Kampf um die Kunst nicht. Diese Menschen müssten Wagner eigentlich lieben. Und zwar komplett und total. Aber sie lieben die Politik und die Ideologie. Die lieben sich selbst und ihr eigenes Spiegelbild. Ich bin mir sicher: Richard Wagner würde die heute alle rausschmeißen und den Laden komplett neu aufstellen.
Christoph Schlingensief, der vor Ihnen den Parsifal auf die Bayreuther Bühne gebracht und der sich damals ebenfalls mit der Festspielleitung gestritten hatte, hat später gesagt, dass man auf dem Grünen Hügel kein Gefühl für künstlerische Spiritualität habe. Man habe von ihm erwartet, dass er BDM-Mädel auf die Bühne bringe und ein Hakenkreuz mache. Dann wäre alles gut, weil routiniert gewesen. Echte Kunst hätte man indes nicht erwartet. Ist Bayreuth somit nur noch eine Abspielstätte für Folklore?
Absolut. Selbst die Erregung in Bayreuth ist künstlich. Das ist reinste Kulturfolklore. Die wollen den harmlosesten Wagner, den man sich vorstellen kann. Nur um damit ihre eigene Harmlosigkeit zu feiern. Da ist nichts Radikales. Nicht mal was Rechtsradikales. Das ist einfach nur Mittelmaß bis zum Gehtnichtmehr. Das ist Formfleischmenschentum. Absolut tot. Sie machen ein langweiliges Museum aus dem Festspielhaus.

Und wenn Katharina Wagner Sie jetzt anrufen würde und fragte, ob Sie nicht vielleicht doch den Parsifal für sie inszenieren würden …?
Wenn sie mich mit Liebe fragen würden, dann würde ich es tatsächlich machen. Das wäre eine riesen Story. Meine Mutter sagt übrigens immer, dass es ein Glück gewesen sei, dass ich den Parsifal nicht gemacht habe. Andernfalls, so ihre Sorge, wäre ich vermutlich tot.
Tot wie Christoph Schlingensief?
Christoph hat mir gesagt, dass er dort krank geworden sei. Die Stimmung auf dem Grünen Hügel ist brutalst. Wenn man dort nicht gehorcht, ist man Freiwild. Die schießen mit allem, dessen sie habhaft werden. Nur wenn man dann klein ist und kriecht, dann darf man für sie arbeiten.
Ist öffentliche Geringschätzung aber letztlich nicht immer auch der Motor hinter der Geschichte um einen reinen Thor wie Parsifal? Wie viel Parsifal steckt eigentlich in Jonathan Meese ?
Ich bin so vermessen zu sagen, dass ich mich genau in dieser Rolle sehe. Ja, ich bin Parsifal. Ich bin das Riesenbaby. Doch statt mich zu fördern, fördern die Menschen jetzt das Riesenbaby Donald Trump. In gewisser Weise ist das natürlich die logische Konsequenz. Man kann nur das eine oder das andere haben. Das gute Riesenbaby Jonathan Meese oder das problematische Riesenbaby Donald Trump. Doch die bösen Kinder kommen halt immer an die Macht. Das ist wie in dem Film „Das Omen“. Und mit den bösen Kindern kommen dann auch deren kindische Vorstellungen von Krieg und Politik mit nach oben.

Parsifal ist ein Erlösungsangebot. Ist der moderne Mensch Ihrer Meinung nach nach wie vor erlösungsbedürftig?
Definitiv. Mehr denn je. Der Mensch muss sich durch das eigene Kind in sich selbst erlösen. Wir können uns also nicht von anderen erlösen lassen. Das geht nur durch uns selbst. Wir müssen zu Hause klar Schiff machen. Wir müssen alles daheim klären. Wir müssen das Kind in uns finden und dann fortan wieder der Sonde Kunst folgen. Die Kunst ist ein guter Wegweiser. Kunst sendet nur Zukunft. Und entweder wir folgen ihr oder wir folgen eben Donald Trump und all den anderen ideologisierten Kindern auf diesem Planeten.
Es gibt in Wagners Parsifal die berühmten Schlussworte „Erlösung dem Erlöser“. Das heißt, auch der Erlöser selbst muss allem Anschein nach noch erlöst werden. Wer also erlöst Jonathan Meese?
Die Kunst natürlich. Die Erlösung geschieht durch die Hingabe an die Kunst. Sie spielt sich an einem ab, und es passiert, was passieren muss. Wichtig ist nur, dass man naiv bleibt. Wenn dann die Diktatur der Kunst herrscht, dann ist Parsifal in seiner Rolle aufgegangen.

Warum versuchen dann so viele Künstler dieser Tage, eine Erlösung durch Aktivismus oder Moral zu erreichen?
Weil sie durch diese Anbiederung an Ideologien ein kleines Stück Relevanz erhalten. Sie ergattern Status und Bedeutung. Und das reicht vielen schon aus, um sich korrumpieren zu lassen und ihre Seele zu verkaufen. Das Problem ist, dass man so der Kunst am Ende nichts mehr zutraut. Statt um Kunst geht es dann nur noch um ideologische Befindlichkeiten. Es geht um Sexualität, Hautfarbe, Alter, Geschlecht. Das alles sind Fragestellungen, die wir schon in den 1980er und 1990er Jahren hinlänglich geklärt haben. Das ist alles nur noch aufgekocht. Dahinter gibt es keine Bedeutung. Da geht es nur darum, Menschen gegeneinander aufzuhetzen. Ich bin da ganz bei Ernst Jünger: Kunst und Politik haben nichts miteinander zu tun. Die Kunst steht über der Politik, oder sie läuft unter ihr hindurch.
Haben diese politisierten Künstler, von denen Sie da sprechen, nicht den eigentlichen Wesenskern der Kunst geopfert: die Freiheit?
Diese Menschen halten die Freiheit der Kunst doch gar nicht aus. Denn in dieser Freiheit darf ich wirklich alles, solange es nicht auf Kosten anderer geht und es nicht Nichtkunst – also Politik oder Religion – ist. Das Irre an der Kunst ist, dass die Flächen frei und die Spielräume unendlich sind. Es ist ja nicht so, dass da schon Millionen Leute sind, die dir permanent auf den Füßen rumstehen. So was gibt es nur im Zwangskollektivismus. Da zertreten sich die Menschen gegenseitig. Kunst aber ist unendlich.

Warum versuchen dann derzeit so viele, die Kunst mittels Cancel Culture zu beschneiden?
Ich kann in der Kunst jede Identität annehmen. Kunst ist ein Rollenspiel. In der Kunst haben wir alle die Möglichkeit, das zu sein, was wir nicht sind. Das weiß man doch seit Menschengedenken. Und dass sich nun ausgerechnet Künstler verbieten wollen, irgendeine auch nur irgendwie denkbare Rolle einzunehmen, das ist Verrat an der Kunst selbst. Das ist derart dumm und doof, dass man es gar nicht glauben mag. In der Kunst ist alles frei: Ich kann Phantomas sein. Ich kann ein Mann oder eine Frau sein. Ich kann ein Jahr alt oder 10 000 Jahre alt sein. Ich kann ein Außerirdischer sein oder in Alaska leben. Alles, alles ist möglich! Diese Leute aber beschränken sich, indem sie nur einen einzigen Tunnelblick gestatten wollen. Aber wie um Himmels willen kann ich das leben, wenn ich nur noch meine angeblich einzige Identität sein darf? Da gibt es Leute, die wollen einem doch tatsächlich weismachen, dass sie eine einzige Sache wären und nicht Abertausende, ja Millionen. Dabei bin ich in der Kunst jede Identität, auf die ich Lust habe.
Was lässt Sie denn hoffen, dass es noch einmal besser werden könnte?
Die Verbitterung in den Herzen. Die Verhärmtheit. Die Gehässigkeit. Diese ganze Limitierung muss doch mal ein Ende finden. Die politischen Verschalungen des Herzens kann kein Mensch auf Dauer aushalten. Solche Herzen können nicht mehr pumpen. Ich kann mein Herz nicht dagegen verschließen, dass ich in der Kunst alles sein darf. Ich darf übrigens auch böse Menschen auf der Bühne spielen. Das ist eben eine Bühne, das ist Kunst, nicht Realität. Wir müssen Gegenpositionen und Rollen aushalten. Diese Leute aber erlauben sich selbst ja nicht mal mehr die Kompensation innerhalb einer Rolle. Noch haben sie das Heft in der Hand. Aber ich bin mir sicher, dass es ihnen bald aus eben dieser Hand gerissen werden wird. Nur hoffentlich geschieht das dann nicht durch die Falschen. Dann nämlich wird es wirklich bitter. Und eines dürfte jetzt schon klar sein: Solche Wendehälse wie die arrangieren sich noch mit jeder Diktatur, solange die nur ihren Dekokitsch, ihren Designmüll und diesen scheiß Politaktivismus ausstellt.

Was wäre dann das Gegengift?
Die Zeit. Mit der Zeit kommen nämlich immer wieder neue Generationen nach. Und kein Kind kommt von sich aus mit einer politisch-religiösen Brille auf die Welt. Kinder sind von Natur aus frei. Wenn man sie aber schon im Kindergarten zwangskollektiviert oder wenn man sie beklatscht, sobald sie sich zwangskollektivieren lassen, dann haben wir wirklich ein Problem. Der Preis ist viel zu hoch. Viele kommen aus diesem Scheiß nie wieder raus. Was soll denn auch noch passieren, wenn man bereits mit 17 vollkommen verbittert ist? Wer zieht dich dann aus diesem depressiven Loch wieder hoch? Und in diesem Loch stecken mittlerweile Massen fest. Deshalb bin ich für die absolute Einzigartigkeit des Menschen.
Aber ist es nicht gerade dieses Pochen auf Einzigartigkeit, das derzeit all die kleinen Narzissten und Ichlinge nach oben spült?
Ich rede nicht von Ego-Shootern. Es geht nicht um das Ich, es geht um das Selbst. Jeder einzelne Mensch kann für sich selbst etwas erreichen – wenn er nur Schritt für Schritt anfängt, bei sich daheim klar Schiff zu machen. Das ist das Mindeste und zugleich das Größte, was man von den Leuten erwarten kann. Sie müssen das Spiegelbild zerschlagen. Empörung jedenfalls führt in die falsche Richtung. Empörung ist ein Teufelskreis. Wer sich empört, wird nur wieder empört. Und er empört zudem auch noch andere. Deshalb wäre mein Rat an die Dauerempörten: Empört euch vielleicht noch ein bisschen, aber dann kommt von eurem Pfahl auch mal langsam wieder runter. Es bringt nichts, sich jeden Tag die Empörungspille reinzuschmeißen. Sei doch mal empört über dich selbst! Die Leute haben immer Angst vor dem Falschen. Vor dem Anderen. Sie sollten besser mal Angst vor jener Ideologie haben, die in ihnen selbst drinsitzt. Die muss man rausholen und rausschmeißen.
Das klingt nach einem gewaltigen Therapieprogramm. Wie wichtig sind in diesem Prozess Humor und Groteske?
Ich lache jeden Tag. Auch über die Absurdität von alldem. Man wird dann zuweilen gewiss auch traurig. Ich muss ja nur die Nachrichten gucken, dann vergeht mir das Lachen meist sehr schnell. Aber wir sollten trotzdem lachen. Wir sollten uns auch selbst auslachen. Man muss sich selbst durch den Kakao ziehen können. Sich selbst ironisieren. Man muss ja nicht gleich sarkastisch werden. Doch in Wahrheit ist doch alles nur noch ein Weltwitz. Oft denkt man, dass es nicht noch niveauloser werden kann, aber dann belegt die Realität wieder das genaue Gegenteil.
Viele entfliehen dieser Realität mittlerweile durch den Sprung in die Virtualität. Kann das nicht vielleicht genauso effektiv wirken wie der Sprung in die Kunst?
Ich habe nichts gegen KI oder gegen Digitalisierung. Aber man sollte sich nicht abhängig davon machen. Denn Kunst ist die totale Unabhängigkeit. Wer von der Virtualität abhängig wird, der ist wieder nur in einem Gefängnis. In der Abhängigkeit wird man stumm und harmlos gemacht. Da hat man sich wieder nur einen neuen Herrscher gebaut, der einen letztlich vernichten will.
Im Gegensatz zum virtuellen Raum findet Ihre Kunst sehr stark über Körpererfahrungen statt. Ihre Performances sind reinste Körperarbeit, Ihre Bilder und Skulpturen oft raumgreifende Werke. Kann uns am Ende vielleicht nur der Rückgriff auf den Körper aus der Ideologiefalle befreien?
Der Körper wird mir in der Tat immer wichtiger. Ich werde ja auch dicker. Ich liebe es zu essen. Der Körper ist aber auch dafür da, dass das Herz in ihm schlägt. Er ist mein Zuhause. Ohne Körper kann ich nicht sein. Körper ist Verdauung. So wie auch Kunst Verdauung ist. Ein Komposthaufen für Politik und Religion. Wer nicht mehr verdaut, ist tot. Das ist Metabolismus: Wir müssen das Negative verdauen, damit es in Positives verwandelt wird. Dafür muss ich mit meinem Körper klarkommen. Aber wenn ich mit meinem Zuhause schon Probleme habe, dann habe ich mit allem anderen auch Probleme. Es geht also gar nicht um die großen Forderungen. Die Freiheit der Kunst wird in deinem Körper, in deinem Herzen verteidigt. Nicht in einem anderen Land und nicht auf einem anderen Planeten. Unsere Welt leidet daran, dass wir die Dinge immer woanders verteidigen wollen. Das ist ein Grundübel. Dabei sind wir doch auf der Reise zum Mittelpunkt der Kunst. Und der liegt nicht in der Milchstraße. Der ist hier mitten in uns.

Früher ging es um Reformen, doch damit ist es inzwischen nicht mehr getan. Für jeden Lebensbereich fordert die Politik heute „Transformation“ ein. Sie scheint in den existenzbedrohenden Szenarien der Gegenwart der letzte Ausweg zu sein.

Streng genommen ist das Spiel wohl aus. Glaubt man den Auguren hinter den perfekt geeichten Hygrometern und folgt man weiterhin den feinen Linien auf den bis zur x-ten Nachkommastelle berechneten Meteogrammen, so befinden wir uns als Menschheit in Gänze im letzten Akt einer Tragödie. Nichts geht mehr! Rien ne va plus! Längst häufen sich die Meldungen über Wetterextreme, während das antarktische Meereis im letzten Winter so langsam wie nie zuvor gewachsen ist. Die Männer im Ausguck also schlagen unvermindert Alarm: Panisch funken sie S.O.S., nachdem der zurückliegende Juli wieder einmal der heißeste seit Beginn der meteorologischen Aufzeichnungen gewesen ist und nun allerorten auch noch die Wälder brennen.
Auf dieser Ebene des Daseins, so hat es den Anschein, könnte es wohl morgen schon mit dem Homo sapiens sapiens samt Mitwelt vorbei sein. Und in solch handelsübliche Apokalypsen sind drohende Risikokaskaden noch gar nicht eingepreist: Was, so fragte jüngst etwa Luke Kemp vom ­Centre for the Study of Existential Risk an der Universität von Cambridge, was, wenn es in absehbarer Zeit zu simultanen Megakrisen kommen sollte? Hier also ein Wetterextrem und zeitgleich eine Finanzkrise oder ein globaler Krieg? Hier eine kollabierende Versicherungswirtschaft, die mit einer weiteren globalen Pandemie, einem Börsencrash, vielleicht sogar mit dem atomaren Erstschlag zusammenfällt? Man mag sich die Vielfalt in der Kombination von Endzeitschlachten nicht einmal vorstellen. Nein, das Spiel scheint wirklich aus zu sein.

Der große Sprung muss her

Gebannt also sitzen wir in den in Ost wie West wiedereröffneten Atomschutzbunkern oder kauern im kommunalen Hitzeraum, wo wir uns durch die Schalen des Zornes, die sieben Plagen des Untergangs zittern. Und mag der finale Endpunkt auch noch nicht ganz in Sicht sein, eines scheint bereits ganz gewiss: Nur das biblische Abaddon, so lassen es zumindest die Bilder aus den Abendnachrichten vermuten, kann den Fluten, wie man sie in diesem Sommer aus dem slowenischen Medvode, dem griechischen Volos oder aus Libyen zu sehen bekam, überhaupt noch das Wasser reichen.
Jetzt gibt es vielleicht nur noch eines, um den Höllensturz noch einmal abzufedern: eine grundlegende Verwandlung; eine alles umfassende Transformation. „Du musst dein Leben ändern!“ War das nicht vor über einhundert Jahren bereits die rettende Order, die Rainer Maria Rilke in einem kleinen Pariser Studierzimmer in eines seiner vielen Schreibhefte notiert hatte? Die letzte Zeile aus seinem berühmten Sonett „Archaischer Torso Apollos“?

Auch heute könnte sie ein vielleicht letztes Mal die Richtung weisen: Das Leben ändern – fundamental und ganz grundsätzlich. Aus der globalen Krise, so viel scheint sicher, führt uns gewiss nicht eine weitere Paleo-Diät oder eine gut vermarktete Reformbemühung. Nein, was jetzt gefordert ist, das ist der ganz große Sprung: Nicht Umkehr, sondern Überwindung! Nicht „re-“ und „zurück“, sondern „trans-“, „hinüber“ und auf hoffentlich immer „drüber hinweg“! Ganz so, wie es schon die alten Texte sagten: „In der Welt habt ihr Angst, doch seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“

Das Spezialgebiet von Endzeitsekten

Denn wenn eben nichts mehr richtig ist im grundsätzlich Falschen und wenn keine politische Reform mehr aus der Patsche hilft, dann wird es Zeit, jene geheimnisvolle Linie zu queren, die Diesseits und Jenseits – und mithin oben und unten für bis dato immer voneinander trennte. Alles, was hienieden vielleicht noch Plagen bereitet hat, könnte so auf eine ganz neue Ebene gehievt werden.
Und nur so könnte aus dem beiläufigen Appell aus dem oben zitierten Rilke-Sonett möglicherweise doch noch das „erlösende Stichwort zur Revolution in der 2. Person Singular“ werden, von dem einst Peter Sloterdijk träumte, als er in seinem noch immer lesenswerten Kommentar zu dem bekannten Gedicht einen neuen Menschentypus pries – einen, der in stetiger Willensgymnastik über seinen alten Adam hinauszuwachsen bereit sei.
Lange Zeit lag dieses befreiende „drüber hinaus“, dieses „trans“, das auf eine andere Seite führte, im Klang des heute oft nur noch dumpf nachhallenden Wortes „Transzendenz“ verborgen. Dieses Wort nämlich, es wies auf jenen magischen Ort hinterm Horizont, an dem niemand je war und an den auch morgen noch kein Auge hinreichen sollte. Kein Wunder also, dass Endzeitsekten wie Katharer, Wiedertäufer oder Waldenser historisch immer dann am stärksten wurden, wenn die Drohungen durch Risikokaskaden am größten waren. In einer Art religiösen Verblendung schreckte dann manch selbsterkorener Messias nicht einmal vor flammenden Kreuzzugsreden oder vor der Anstiftung zum Massenselbstmord zurück. Erst jüngst kursierte übrigens im medialen Geraune wieder eine Meldung, nach der irgendeine christliche Sekte mitten im kenianischen Shakahola-Urwald von Kilifi County zum Gruppensuizid angetreten war. In Erwartung des ganz großen Sprungs hatten sich dort wohl Hunderte Todessüchtige nach dem Leben getrachtet.

Die Geburt der Transformation

Uns Diesseitigen mögen solche Nachrichten zu Recht schockieren. Doch was bleibt eigentlich uns, die wir die vertikale Spannung längst nicht mehr spüren, wenn die Querung der rettenden Grenzen nur in transzendentalem Bewusstsein möglich und wenn das rettende Jenseits immer nur ein Ort am anderen Ufer des Lebens, mindestens aber der profanen Wahrnehmung diametral gegenüberliegend zu sein scheint? Wie soll man von neuem geboren werden in der erbarmungslosen Diesseitigkeit einer Moderne, der alles Übernatürliche so fabulös und fantastisch geworden ist wie die immergrünen Wiesen im Auenland von J.R.R. Tolkien?
Man will resignieren. Doch auch uns hat das Leben einen Durchschlupf gelassen. Auch den Hiesigen ist das Absprungbrett ins große Drüben versprochen: Der Traum von der alles ergreifenden Verwandlung! Just zu jener Zeit nämlich, als mit der beginnenden Renaissance das Jenseits in die Defensive geriet, kam im 14. Jahrhundert, zunächst über den Umweg des Altfranzösischen, ein Begriff in das europäische Denken zurück, dessen Ursprünge weit zurück im Lateinischen liegen: „Transformation“. Seit dem Ausgang des Mittelalters lag darin die Erlösungsformel eines sich selbst aufklärenden Bewusstseins. Die Selbsterleuchtung einer Welt im Schatten abgedimmter Himmelslichter.
Aus der Überschreitung also wurde die Überformung, aus Metaphysik Metamorphose und aus Transzendenz schließlich Transformation. Ein genialer Kunstgriff. Vor ihm schien selbst die einstmals noch göttliche Schöpfung nicht mehr sicher zu sein. Bald schon nämlich brauchte es nicht mal mehr einen Gott, um das menschliche Dasein zu erklären. Auch dieses war Ergebnis von Transformationsprozessen: „Des lois de transformation des êtres organisés“ – „Das Gesetz der Transformation der organisierten Wesen“ – lautete dementsprechend der Untertitel zur französischen Übersetzung des Darwin-Klassikers von der „Entstehung der Arten“.

Der letzte Ausweg

Seither also verwandelt sich die Welt wie ehedem Callisto oder Daphne in Ovids „Metamorphosen“. Aus Steinen werden Menschen, aus Drachenzähnen Krieger. Denn was unter der wachsenden Bedrohung der Lebensräume jetzt einzig noch zu helfen scheint, das ist eine große, alles ergreifende Verformung: „Schon sahen die Fliehenden ihren Tod vor Augen, da rief die Frau in ihrer Angst die Hilfe der Alten an“, heißt es weitsichtig in einem alten Hausmärchen der Gebrüder Grimm: „Und in dem Augenblick waren sie verwandelt, sie in eine Kröte, er in einen Frosch. Die Flut, die sie erreicht hatte, konnte sie nicht töten.“
Und was ist schon eine Flut im profanen Hausmärchen gegen die nun drohende globale Sintflut, ja gegen den wachsenden Problemdruck, der sich im Zusammenkommen sozialer, ökologischer und ökonomischer Risiken abzeichnet? Will man in Anbetracht solch globaler Bedrohung nicht ebenso aus seiner angestammten Haut fahren, ja seine Form verändern wie der Frosch in der oben zitierten Märchengeschichte? Schon bald nämlich, so prophezeit es zum Beispiel der niederländische Transformationsforscher Jan Rotmans, ein in den letzten Jahren gern zitierter Professor für Sustainability Transitions, könnte es zu „skalenübergreifenden Systemkrisen“ kommen, die die planetarischen wie sozial-ökonomischen Leitplanken überschreiten. Wer wollte bei solchen Zukunftsaussichten nicht sein altes Adamskostüm abstreifen, um zum Adler, zum Fisch oder auch nur zur Kröte zu werden?
So scheint in den existenzbedrohenden Szenarien der Gegenwart Transformation der letzte wirkliche Ausweg zu sein. Nicht von ungefähr verspricht daher in diesen Tagen besonders die Politik, alles zu verwandeln und zu überformen, was in der jetzigen Situation noch möglich scheint: Als größte Industrie- und Exportwirtschaft Europas, so heißt es etwa im 2021 geschlossenen Koalitionsvertrag der Ampelregierung, stünden wir in den 2020er Jahren vor tiefgreifenden Transformationsprozessen – „von der Dekarbonisierung zur Einhaltung des 1,5-Grad-Pfads über die digitale Transformation bis hin zum demografischen Wandel“.

Die Inflation der Transformation

Ganze 43-mal hat sich die regierende Zwangsgemeinschaft aus SPD, Grünen und Liberalen vor zwei Jahren das magische Füllwort „Transformation“ in die gemeinsame Arbeitsgrundlage diktiert. Automobilwirtschaft, Gesundheitswirtschaft, Verkehr, Transparenz, Mitbestimmung, Digitalisierung … Es ist, als sollte ein ganzes Land auf die nächste und hoffentlich für immer erlösende Ebene katapultiert werden: „Im Dialog mit Wirtschaft, Gewerkschaften und Verbänden wollen wir eine ,Allianz für Transformation‘ schmieden und in den ersten sechs Monaten des Jahres 2022 stabile und verlässliche Rahmenbedingungen für die Transformation besprechen“, so der mitreißende Sound im Manifest der Transformer. Reichten in den späten 1990er Jahren während der rot-grünen Koalition unter Gerhard Schröder noch die damals so oft beschworenen „Reformvorhaben“, so steht anstelle von Rückformung nun eine Art Update in den nächsten Level an.
Dabei ist die rettende Transformation längst in allen Klangfarben und in jeglichen Kombinationen zu haben. Der große Schritt nach drüben ist heute überall dort als Dummy-Term im Einsatz, wo die Kraft konventionellen Fortschritts nicht mehr hin-, geschweige denn ausreichend ist: Da sind etwa die sogenannten „Transformationstarifverträge“, mit denen die IG Metall seit geraumer Zeit den Frieden zwischen den Tarifpartnern abzusichern verspricht; da sind „Transformationsfonds“, die der aktuellen Regierung neue Möglichkeiten für Nebenhaushalte eröffnen; und da ist das „Transformationsgeld“, mit dem der Deutsche Gewerkschaftsbund einmal jährlich eine Zusatzzahlung für Arbeiter und Angestellte verheißt. Die Friedrich-Ebert-Stiftung schwärmt derweil von der Einführung sogenannter „Transformationsräte“, und selbst der heiß umstrittene Industriestrompreis könnte laut eines Vorschlags der SPD bald schon „Transformationspreis“ heißen.
Das bis dato Beste aber: Selbst die Revolution, bis gestern noch die stärkste Interventionsform, die im Raum der hart erkämpften politischen Realität zu haben war, dürfte bald schon ein Upgrade in den Transformationsmodus erhalten. Ein im März 2023 vom Bundeskabinett bewilligter Gedenkort für die Friedliche Revolution von 1989 jedenfalls soll auf den Namen „Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation“ getauft werden.

Wir müssen unser Menschsein behaupten

Du musst ein anderer werden! Du musst dein Leben ändern! Ganz so, als wäre der Siedepunkt der Katastrophe bald erreicht, an dem die menschliche Zivilisation in einen anderen Aggregatzustand hinüberwechselt: vom Festen ins Flüssige und vom viel gescholtenen Cis-Befund ins Offene und Fluide. Denn „trans-“, dieses merkwürdige Über-die-Dinge-Hinausschießen, dieses Jenseits- und Darüber-hinweg-Sein, es ist längst zum tragischen Vor-Wort einer ganzen Epoche geworden: Trans-gender, Trans-formation, Trans-humanismus, Trans-ition. Nicht mehr hier- und niemals da sein. Und am Ende getrennt von allem und allen sein. Irgendwo auf der Schwelle zwischen cis und ultra, zwischen Realität und Traumgebilde. Ein Zustand, der nicht haltbar ist.
Realitätsverloren wie im Bann einer unerträglichen Dissoziation und abgekoppelt vom rettenden Schmerz, den es jetzt vermutlich bräuchte, wenn wir als Menschheit nicht völlig die Bodenhaftung verlieren wollen, lassen wir uns von politischen Sprechblasen forttragen, während jetzt eigentlich die Zeit wäre, unser nacktes Menschsein zu behaupten. Denn seien wir ehrlich: Es wird keine Verwandlung geben. Der erste Leitsatz für die Verteidigung des Menschen heißt: Was immer passiert, wir bleiben hier!

Unterm Strich: Ralf Hanselle im Gespräch Hans-Christian Schink

Das Gespräch erschien in der Zeitschrift: Photographie im September 2011.

Hans-Christian Schink im Interview – UNTERM STRICH

Anlässlich seines 50. Geburtstags und in Anbetracht großer Einzelausstellungen in Weimar, Erfurt und Duisburg traf PHOTOGRAPHIE den renommierten Bildkünstler Hans-Christian Schink, um mit ihm über seine neue Arbeit „1h“ zu sprechen.

Hans-Christian Schink wagt es, neue Wege zu gehen. Der in Leipzig und Berlin lebende Fotokünstler, der Mitte der 90er-Jahre mit einer viel beachteten Serie über die gigantischen Straßenbauprojekte in den neuen Bundesländern von sich reden gemacht hat, verlässt mit seiner neuen Arbeit „1h“ sicheres Terrain. „1h“ ist der gelungene Versuch, konventionelle Sehgewohnheiten gegen den Strich zu bürsten. Auf diese Weise hat sich Schink vollkommen neue Bildräume erobert. In PHOTOGRAPHIE spricht der Künstler über das Gerinnen der Zeit sowie über die verschwindenden Landschaften seiner Kindheit.

Herr Schink, warum sehen Fotoapparate und Fotografen nicht immer dasselbe?

Hans-Christian Schink: Den Begriff des Sehens würde ich auf einen Fotoapparat nicht anwenden. Denn Sehen schließt für mich nicht nur die Aufnahme, sondern auch die Verarbeitung von Informationen ein. Aber wenn man nur von der reinen Informationsaufnahme ausgeht, dann gibt es tatsächlich einen entscheidenden Unterschied zwischen einem menschlichen Auge und einer Kamera: Die Kamera hält der Einstrahlung von Sonnenlicht stand. Das heißt, weder Objektiv noch Film werden beschädigt, wenn sie eine Stunde lang direkt in die Sonne gerichtet sind.

Genau diesen Umstand haben Sie sich für Ihr aktuelles Projekt „1h“ zunutze gemacht.

Ja. „1h“ ist eine experimentelle Serie, die sich mit sogenannten Solarisationseffekten auseinandersetzt.

Können Sie das genauer erklären?

Solarisationseffekte entstehen, wenn eine im Bild befindliche Lichtquelle – etwa die Sonne – einen bestimmten Grad an Überbelichtung erzeugt. Das Ergebnis ist dann zunächst sehr irritierend: An der Stelle, wo unserer Erfahrung nach gleißendes Licht sein müsste, bildet sich auf der Fotografie tiefstes Schwarz ab. Somit kehrt sich unsere Wahrnehmungserfahrung um.

Normalerweise sehen wir die Sonne als Punkt oder Ball am Himmel. Warum aber sehen wir auf den Bildern Ihrer Serie nicht Punkte, sondern Linien?

Das hängt mit der Belichtungszeit zusammen, die ich für „1h“ gewählt habe. Als ich mit der Serie anfing, kam mir sehr bald eine Fotografie von Minna White mit dem Titel „Black Sun“ in den Sinn. Es ist die Aufnahme einer Winterlandschaft, bei der durch einen Zufall – den kurzzeitig eingefrorenen Kameraverschluss – die Sonne schwarz abgebildet wurde. Bei White zeigt sie sich tatsächlich als ein einzelner Punkt. Ich aber wollte versuchen, diesen Effekt mit einer längeren Belichtungszeit einzusetzen. Meine Idee war es, die Sonne in ihrem Verlauf zu zeigen. Dieser bildet sich dann als schwarze Linie auf den Fotografien ab.

Sie haben sich bei jeder Aufnahme der Serie für eine Belichtungszeit von genau einer Stunde entschieden. Warum?

Ich habe im Vorfeld viele Experimente durchgeführt. Die Dauer von einer Stunde erschien mir am Ende am geeignetsten. Sie ist unser gebräuchlichstes Zeitmaß. Mir war zudem schnell klar, welches Potenzial dieses Projekt barg. Es ging dabei um zwei der wesentlichsten Aspekte der Fotografie – um Licht und Zeit. Und dies auf eine sehr ungewöhnliche, fast abstrakte Weise. Ich konnte das Licht der Sonne abbilden, ohne dass dies auf den ersten Blick erkennbar sein würde. Ich konnte das Vergehen von Zeit darstellen, ohne dass es im Foto sofort nachvollziehbar wäre.

Für diese „fotografische Grundlagenforschung“ haben Sie Ihre Solarisationsexperimente an verschiedenen Orten der Erde durchgeführt: in Argentinien, Norwegen und auf Sansibar. Nach welchen Kriterien haben Sie diese einzelnen Aufnahmeorte ausgewählt?

Einer der faszinierenden Aspekte, die während der langen Experimentierphase deutlich wurden, war der extrem unterschiedliche Winkel der Sonnenlinie. Der hing davon ab, auf welchem Breitengrad der Aufnahmestandort lag. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, das Projekt auf die ganze Welt auszudehnen. Ich begann, Orte nach bestimmten Kriterien auszusuchen. Ich wollte jeweils eine Aufnahme von den nördlichsten und südlichsten Punkten, die mit vertretbarem Aufwand zu erreichen waren. Ich wollte ein Bild der Mitternachtsonne und Fotos von Orten auf den Wendekreisen des Krebses und des Steinbocks zur Zeit der Sonnenwende, ein Foto möglichst nah am Äquator und eines an der Datumsgrenze. Und ich wollte ein breit über den Globus verteiltes Spektrum von Aufnahmen ganz unterschiedlicher Landschaften. Ich reiste mit zwei Großformatkameras, zwei Stativen und weiterer Ausrüstung zum Teil mehrere Wochen. Es stellte sich immer auch die Frage nach der Erreichbarkeit, der Infrastruktur oder zumindest praktikabler Transportmöglichkeiten.

„Weder Objektiv noch Film werden beschädigt, wenn sie eine Stunde lang direkt in die Sonne gerichtet sind.“

„1h“ war ein auf mehrere Jahre angelegtes Projekt. Ähnlich entschleunigt und langsam sind Sie Ende der 90er-Jahre auch schon an Ihre erste große Serie mit dem Titel „Verkehrsprojekte Deutsche Einheit“ herangegangen. Mit dieser eigentlich sehr deutschen Arbeit über Straßenbauprojekte in den neuen Bundesländern gelang Ihnen 2004 der internationale Durchbruch. Wie sind Sie damals auf die Idee gekommen, sich über einen solch langen Zeitraum mit den Straßenbauprojekten in den neuen Bundesländern auseinanderzusetzen?

Ich war damals viel für Auftragsarbeiten unterwegs und habe in dieser Zeit mehr und mehr realisiert, wie sehr sich die Städte und Landschaften meiner Kindheit veränderten. In einem massiven Bauboom entstanden neue Einkaufszentren, suburbane Wohnsiedlungen und Industriegebiete; vor allem aber die zahlreichen neuen Autobahnbauten. Irgendwann ist mir klar geworden, dass darin ein eigenes Thema stecken könnte. Das habe ich verfolgt – fast acht Jahre lang, bis zum Jahr 2003.

Das, was damals in den neuen Bundesländern passiert ist, hat einen interessanten Vorläufer in der Geschichte der Kunst. Sie zeigen auf Ihren Bildern, wie Natur durch menschliche Eingriffe optimiert und idealisiert wird. Ähnliches haben flämische Maler wie Jan Brueghel oder Paul Bril bereits Jahrhunderte zuvor auf ihren idealisierten Landschaftsdarstellungen versucht.

Daran habe ich während des Projekts auch gedacht. Bemerkenswert ist, dass ich einst an der Hochschule im Fach Kunstgeschichte eine Arbeit über diese Form der Landschaftsdarstellung geschrieben hatte. In der ersten Zeit nach dem Studium war dies nicht mehr wirklich präsent. Aber während der Arbeit an den Verkehrsprojekten habe ich gemerkt, dass es Bezüge zur flämischen Malerei tatsächlich gibt. Das Projekt hat mir somit wieder deutlich gemacht, mit welcher Sehschule ich aufgewachsen bin.

Die Alten Meister hatten noch Wahlmöglichkeiten. Sie hatten Naturräume auch noch in ihrer Ursprünglichkeit darstellen können. Für einen heutigen Landschaftsfotografen indes hat es den Anschein, dass es unberührte Natur gar nicht mehr gibt. Die Idyllen auf den Bildern eines Fotoklassikers wie Ansel Adams etwa wirken längst überkommen.

In meinen Anfangsjahren war ich ein großer Fan von Adams. Das hat sich jedoch zunehmend verloren. Diese Überdramatisierung von Landschaft konnte ich nicht mehr nachvollziehen. Vielleicht muss man aber berücksichtigen, dass Adams die amerikanischen Nationalparks vor Augen hatte, in denen eine gewisse Urwüchsigkeit noch vorhanden sein möchte. Aber in Europa gibt es im Prinzip keine unberührte Natur mehr.

Nach der Arbeit an den Verkehrsprojekten haben Sie ästhetisch sehr ähnliche Serien auch außerhalb Europas verwirklicht: in Peru, Los Angeles oder Vietnam. Auch hier lässt sich beobachten, wie die Kultur der Natur zunehmend die Luft wegdrückt. Wieso haben Sie damals angefangen, sich Ihre Themen auf dem gesamten Globus zu erschließen?

Das hatte unterschiedliche Gründe. Zum einen wurden einige Projekte im Kontext von Auslandsstipendien verwirklicht, zum anderen ging es für mich nach einer so langen Arbeit an einem deutschen Thema um die Frage, wie ich mit Orten umgehe, zu denen ich keine biografischen oder kulturellen Bezüge hatte.

Und doch gibt es noch immer Kritiker, die in Ihrer Fotografie etwas spezifisch „Deutsches“ sehen wollen – eine Art romantische Melancholie.

Viele sehen das so. Ich hatte das nicht beabsichtigt, auch wenn ich im Nachhinein durchaus einräumen will, dass da etwas „typisch Deutsches“ in einigen Bildern sein mag. Vielleicht gibt es aber auch rationalere Gründe: einerseits den zunehmenden Erfolg der deutschen Fotografie in den letzten Jahren, andererseits die Tatsache, dass die Publikation der „Verkehrsprojekte Deutsche Einheit“ im Jahr 2004 zeitlich mit dem Höhepunkt der politischen Diskussion über Kosten und Nutzen der deutschen Wiedervereinigung zusammenfiel. Es gibt eben immer auch Dinge, die man nicht beeinflussen kann.

Alle reden von ChatGPT. Dabei ist die selbstlernende KI nur Teil einer Revolution, die ihre Verfechter „Transhumanismus“ nennen. Radikale Skeptiker bemühen längst ein anderes Wort: Apokalypse.  

Kommen wir gleich zur Sache: Wir werden sterben! Unsere Körper werden verwelken. Unser Verstand wird verschwinden. Nichts wird mehr bleiben. Für die wohl allermeisten von uns ist eine solche Vorstellung die mit Abstand größte Kränkung des Lebens: der Tod, eine Schweinerei!

Ray Kurzweil jedenfalls scheint noch immer fassungslos darüber zu sein, dass alles – und zwar wirklich alles –, was entsteht, nur wert ist, dass es zugrunde geht. Sollte Goethe mit diesem berühmten Satz aus seinem „Faust“ nämlich recht haben, so hieße das, dass auch er, Ray Kurzweil, am Ende der Tage nur Staub und Windhauch sein dürfte. Vorsichtshalber schluckt der heute 75-jährige Computerpionier und Ex-Chefentwickler beim Tech-Riesen Alphabet daher Tag für Tag einen Medikamentenmix aus unzähligen Vitamintabletten, Antioxidantien und Mineralien. 250 Kapseln pro Tag sollen es angeblich sein. Dazu sechs Infusionen in der Woche. Ein Leben ohne Kaffee, ohne Zucker und ganz ohne rotes Fleisch. Dem Sensenmann gilt es schließlich ein Schnippchen zu schlagen. Notfalls mit allen Mitteln und Mittelchen.

Mehr als esoterische Science-Fiction

Seit dem Jahr 1970, dem tragischen Jahr, in dem Kurzweils Vater Frederic mit gerade einmal 58 Jahren an einem Herzinfarkt verstarb, scheint der namhafte Softwarespezialist, der von vielen aus der kalifornischen Tech-Szene noch heute wie ein Guru verehrt wird, wie besessen von der Idee zu sein, das eigene Lebensende immer weiter nach hinten herauszögern zu können. „Die Krankheit meines Vaters hat definitiv dazu geführt, dass ich mir Gedanken über die schmerzlichen Beschränkungen unseres Lebens gemacht habe“, so Kurzweil vor einigen Jahren in einem Interview im amerikanischen TV-Network PBS. Und all seine Gedanken haben zu folgender Feststellung geführt: Gelänge es uns, 90 Prozent der medizinisch vermeidbaren Gesundheitsprobleme zu eliminieren, so Kurzweil in seinem mittlerweile zum Kult avancierten Buch „The Singularity Is Near“, so wäre eine Lebenserwartung von 500 Jahren gar kein Problem. Bei 99 Prozent Eliminierung wären es sogar schon 1000 Jahre.
Ein hehres Ziel. Auch wenn eine solch immense Steigerung natürlich nicht allein durch die orale Zufuhr von Nahrungsergänzungsmitteln zu haben sein wird. In der sogenannten Enhancer- und Techie-Szene, wo Kurzweils Ideen seit Jahren heiß diskutiert werden, vertraut man längst anderen Methoden. Zusammen mit Kurzweil ist man sich hier einig, dass allein Biotechnik und die zeitgleich mit ihr einhergehende nanotechnische Revolution das wirklich ewige Leben hervorbringen werden. Durch die Fusion des Menschen mit der von ihm geschaffenen Technologie wird man in Zukunft immer mehr und immer bessere Möglichkeiten an die Hand bekommen, um der Natur Nachhilfe zu geben und ihre offenkundigsten Mängel zu korrigieren. Und der noch immer größte Fehler liegt auf der Hand: die Endlichkeit alles Irdischen.
Wird man zum ersten Mal mit derlei Ideen vertraut gemacht, so fühlt man sich verständlicherweise an esoterische Science-Fiction oder an eine wirklich abgedrehte Vulgäranthropologie erinnert. Doch den sogenannten Transhumanisten ist es absolut ernst – nicht nur mit der Ewigkeit, sondern auch mit dem festen Glauben daran, dass der Mensch nicht mehr als die Summe seiner einzelnen organischen wie technischen Teile ist. Ein komplexer Datensatz. Mehr nicht.

Die „Singularität“ naht

Ray Kurzweil, Pionier auf den Gebieten Sprach­erkennung und Sprachsynthese, der einem breiten Publikum vor allem durch die in den 1980er Jahren von ihm entwickelten Kurzweil-Synthesizer bekannt geworden ist, steht mit solchen reduktionistischen Überlegungen nicht alleine da. Unzählige Milliardäre aus dem Silicon Valley teilen mit ihm den Traum von der menschengemachten Unendlichkeit. So bekannte etwa der Tech-Investor und Paypal-Mitbegründer Peter Thiel bereits vor Jahren, dass er angetreten sei, den Tod zu bekämpfen. Und Elon Musk, bis zu seiner Twitter-Übernahme im Jahr 2022 immerhin der reichste Mensch im bis dato bekannten Universum, glaubt fest an eine mindestens digital generierbare Ewigkeit.
In ihr werden Mensch und digitale Maschine, die schon heute durchschnittlich 10,5 Stunden pro Tag miteinander verbringen, unzertrennlich und glücklich vereint sein – bis ans dann wohl nicht mehr eintretende Ende aller Tage. Dieser Glaube ist bei dem eigenwilligen Milliardär und X.com-Gründer mittlerweile derart zur Gewissheit geworden, dass er große Teile seines Vermögens in ihn investiert hat. Mit seinem 2016 gegründeten Unternehmen Neuralink lässt Elon Musk sogenannte Brain-Computer-Interfaces erforschen. Schnittstellen, die in der Zukunft sogar das Upload von Gedanken auf einer Computer-Cloud sowie umgekehrt das Einspielen Künstlicher Intelligenz in das menschliche Gehirn ermöglichen sollen.
Ray Kurzweil, der vielleicht noch immer größte Prophet des kalifornischen Transhumanismus, ist also wahrlich kein Einzelfall. Für den Computerpionier aus Queens, New York, der einst in einer jüdischen Familie von Künstlern und Musikern groß geworden ist, wird der Tod in wenigen Jahren ausgespielt haben. Sollte es nämlich stimmen, dass sich die Leistung von Computerchips mit jedem Kalenderjahr nahezu verdoppelt – und das ist, wie der Intel-Mitgründer Gordon Moore herausgefunden hat, mindestens schon seit 1965 der Fall –, dann sei es nur noch eine Frage der Zeit, bis endlich auch jener magische Punkt erreicht sei, an dem Fortschritt unendlich und der Mensch als natürliche Folge dieser grenzenlosen Potenzialität mit der digitalen Technik eins werden wird. Unter eingefleischten Transhumanisten im Silicon Valley, die mittlerweile immer mehr in Biotech-Start-ups denn in reine Computerunternehmen investieren, wird dieser Punkt die „Singularität“ genannt.

Juliane von der Ohe hat schon drei Chips in sich

Wer also, geblendet etwa durch die aktuellen Debatten um den Chatbot ChatGPT, meint, die Künstliche Intelligenz alleine wäre schon die größte Herausforderung für den längst vollkommen antiquiert daherkommenden Menschen, dem ist vermutlich noch nicht in Gänze zu Bewusstsein gekommen, dass die KI-Entwicklung parallel zu bis dato ungeahnten Revolutionen auf den Gebieten Genetik, Prothetik sowie Bio- und Nanotechnologie verläuft. Zusammen, so sind sich die Verfechter der reinen transhumanistischen Lehre einig, wird das schon in Kürze eine Kraft freisetzen, die den Menschen über einen neuen Urknall hinauskatapultieren könnte. ChatGPT sowie die Google-­Konkurrenten Bard oder Tongyi Qianwen vom chinesischen Tech-Konzern Alibaba sind also nur die aktuell sichtbarsten Vorboten einer technisch vollkommen runderneuerten Zukunft. Quasi die Betaversion des Homo sapiens cum technologica – des neuen Menschen, der uns Heutigen aufgrund seiner immer weiter voranschreitenden Fusion mit der Technologie als Cyborg, also als Mischwesen aus Biologie und Maschine, erscheinen wird.
Für die kalifornischen Transhumanisten ist das die vermutlich letzte Utopie einer an sich eher gelangweilt dahindümpelnden Gegenwart: Ihrer Meinung nach werden Nanobots in den Hirnkapillaren schon bald unsere Intelligenz vergrößern. Und sobald unser eigenes Gehirn erst mit der KI verschmolzen sein wird, wird unsere Hirnleistung exponentiell anwachsen. Realität und virtuelle Realität werden dann vollkommen eins sein. Und irgendwann, so ihre Überzeugung, werden die Schnittstellen zwischen Mensch und Technik derart perfekt sein, dass wir uns nicht nur zu jeder Zeit in andere Personen und Welten verwandeln können, ein sogenanntes Mind-Upload wird uns dann auch für immer unsterblich machen. „Wir sind die Spezies, die Naturgesetze transzendiert“, so formuliert es Ray Kurzweil, für den der Moment immer näher rückt, in dem unsere Körper nur noch als aufgerüstete Version ihrer minderwertigen biologischen Basisausstattung zu haben sein werden. Die Verdauungssysteme werden neu gestaltet, das Herz wird hinfällig, und sogar das Blut wird programmierbar werden.
Programmierbares Blut? Juliane von der Ohe ist eigentlich schon froh, wenn sie mit ihren kleinen, selbst gekauften Body-Enhancements die Tür aufschließen kann. Die 63-jährige Landwirtin aus dem niedersächsischen Örtchen Natendorf hat sich drei Chips in ihren Körper implantieren lassen. Mit dem einen öffnet sie ihre Haustür, mit einem anderen entsperrt sie den Computer. Und mit ihrem neuesten Chip kann sie sogar bargeldlos bezahlen. Juliane von der Ohe ist mit den kleinen Upgrades ihres biologischen Körpers im Wesentlichen sehr zufrieden. Auch wenn sie in letzter Zeit des Öfteren darüber nachdenkt, sich zusätzlich noch einen „Tesla-Chip“ für das Auto einpflanzen zu lassen. „Das tut in der Regel ja auch nicht weh“, sagt sie und könne theoretisch in jedem Piercing-Studio gemacht werden. Auch wenn in der Praxis natürlich nicht jeder auf das saubere „Chipping“ – den sogenannten Bodyhack – spezialisiert ist.

Der erste amtliche Cyborg

Sie selbst jedenfalls ist immer noch begeistert. Warum auch nicht? Sie ist kein Freak oder abgedrehter Tech-Nerd. Eher erscheint sie vollkommen bodenständig: Juliane von der Ohe bewirtschaftet einen Bauernhof, ist sogar Mitglied der CDU und Bezirksvorsitzende der Mittelstandsvereinigung. Eine ganz normale Frau vom Dorf. Nur dass sie die Haustür eben anders öffnet als andere. Sie könne sich auch gut vorstellen, in Zukunft die Zeiterfassung bei der Arbeit oder die medizinischen Basisdaten direkt vom Körper ablesen zu lassen. „Ist doch praktisch“, sagt von der Ohe, die in solchen Momenten gerne darauf verweist, dass sie immer schon eine Mischung aus Raumschiff Enterprise und menschlicher Faulheit gewesen sei. Andere hätten eben einen Herzschrittmacher oder eine Prothese. Die Grenzen zwischen Kunst und Leben seien da fließend. Außerdem arbeite sie in der Landwirtschaft, einer sehr innovativen Branche – gerade auch was Interfaces zwischen Mensch und Maschine angehe. Vielen sei das vielleicht nicht bewusst, so von der Ohe, aber auch Schweine und Kühe würden mittlerweile gechippt.
Ein Argument, das bis dato nur wenig Durchschlagskraft zu besitzen scheint. Zwar gibt es keine aktuellen Zahlen zum Thema Biohacking, doch eine ältere Umfrage aus dem Jahr 2015 zeigt, dass die Bereitschaft zum Chip-Implantat zumindest vor acht Jahren noch sehr gering gewesen ist. Am ehesten konnten sich die Befragten damals dafür begeistern, ein Implantat zur Messung von Körperfunktionen oder zur medizinischen Kontrolle einsetzen zu lassen. Laut eines Berichts des Informationsdiensts Bloomberg aber ist das Interesse seither kontinuierlich gewachsen. Demnach sollen weltweit bereits gut 100 000 Menschen kleine Chips unter der Haut tragen. In der Regel seien diese Bodyhacks nicht größer als ein Reiskorn und kosteten gut 60 Euro. Und der Markt wächst. Laut Bloomberg könnte er bis 2025 bereits auf 2,3 Milliarden US-Dollar anwachsen.
Die Menschmaschine wird also immer normaler. Und einen ersten amtlich bestätigten Cyborg gibt es auch schon: den britischen Künstler Neil Harbisson. Er ist der erste Mensch der Welt mit einer implantierten Antenne im Schädel. Diese ermöglicht es dem farbenblinden Künstler, Farbreize in akustische Signale zu übersetzen. Ein Implantat, das nach anfänglichen Protesten mittlerweile auf Harbissons amtlichem Passbild zu bewundern ist. Ein echter Hingucker. Aber ist das wirklich schon der Einstieg in die schöne neue Welt des Transhumanismus? Oder doch eher eine sinnverlorene Spielerei? Während Landwirtin von der Ohe zukünftig von Fall zu Fall entscheiden will, wie weit sie bei ihrer technischen Auf- und Nachrüstung noch mitgehen will, ist für Ray Kurzweil die Schlacht längst geschlagen: Noch 22 Jahre, so die Berechnungen des amerikanischen Cybergurus, dann träte die Mensch-Maschine-Schnittstelle in die Ewigkeit ein.

Nicht alle sind begeisterte Transhumanisten

Bis dahin muss der 1948 geborene Kurzweil aber entweder noch ein bisschen durchhalten – oder er muss sich, sollte der Tod doch einmal allzu zudringlich an der Haustür klopfen, bei minus 196 Grad in flüssigem Stickstoff kryokonservieren lassen. Bei diesem als Vitrifizierung bekannten Verfahren wird eine vollständige Unbeweglichkeit der menschlichen Zellen erreicht, sodass der gesamte Körper auf unbestimmte Zeit konserviert werden kann. Das Ziel: Der Tote soll so lange aufbewahrt werden, bis die Technologie endlich nachgereift ist, sodass der Körper wieder aus seinem Dornröschenschlaf geholt werden kann. Das Verfahren ist zwar nicht unbedingt günstig – 200 000 Dollar soll die Grundkonservierung kosten. Dafür aber gibt es in den USA bereits jetzt drei Anbieter, die technisch in der Lage sind, den Übermenschen 4.0 zumindest für eine geraume Zeit auf Eis zu legen.
Wird das ewige Leben also in absehbarer Zeit tatsächlich Realität werden – zumindest für die sicherlich überschaubare Anzahl der neuen Tech-Feudalisten, die sich diesen Geschmack von Ewigkeit überhaupt werden leisten können? Oder lassen wir uns aktuell von den fast im Minutentakt eintreffenden Nachrichten über tatsächliche wie vermutete Möglichkeiten digitaler Technik und Künstlicher Intelligenz zu sehr ins Bockshorn jagen?
Fakt ist: Laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey ist für die meisten Menschen das, was für Transhumanisten das Paradies zu sein scheint, schon heute der absolute Albtraum: 40 Prozent der Befragten glauben demnach nämlich, dass KI in den nächsten zehn Jahren zumindest teilweise negative Auswirkungen auf die Menschen haben wird; und weitere 40 Prozent gehen sogar von einem eher oder sehr negativen Einfluss aus. Was die Befragten dabei am meisten beunruhigt: Überwachungsängste, die Beeinflussung des öffentlichen Diskurses oder gleich die in der Regel nicht näher bezeichnete Bedrohung für die Menschheit als Ganzes. Und Äußerungen wie die Warnung des Ex-Google-Entwicklers und Turing-Preisträgers Geoffrey Hinton, der jüngst sogar die nationale Sicherheit der USA in Gefahr sah, tragen nicht wirklich zur Beruhigung bei.

Nichts mehr als Marketing

Der österreichische Philosoph und Theologe Johannes Hoff indes beschwichtigt. Er hält viele transhumanistische Zukunftsvisionen im Kern für ausgemachten Blödsinn. Allerdings für einen Blödsinn, der seinen geistigen Vätern Unmengen an Geld in die Kassen spült und der von einer cleveren PR am Laufen gehalten wird: „Der Trans­humanismus ist auch Teil der Markenpsychologie großer Tech-Unternehmen, mit der bestimmte technische Innovationen verkauft werden sollen“, so Hoff, der Mitunterzeichner eines Manifests ist, das unter dem Titel „Wider den Transhumanismus“ auf fundamentale Denkfehler in der smarten Ewigkeitsideologie aus dem kreativen Tal nahe der San Francisco Bay hinweist.
Mind-Upload, Body Swap – für Hoff sind das in der Regel ausgeklügelte Marketing-Hoaxes, die mit viel Fantasie neue digitale Produkte an den Mann bringen sollen. Produkte – und an der Stelle zeigt sich auch Hoff beunruhigt –, die sich oft konträr zum Stand der psychologischen wie medizinischen Forschung verhielten und die keinerlei wissenschaftlichen Standards entsprächen. „Die Silicon-Valley-Konzerne werfen diese Dinge einfach auf den Markt, ohne sie zuvor getestet zu haben.“ Der Mensch und die Demokratie seien quasi die Laborratten, so der international angesehene Forscher von der Universität Innsbruck.
Laborratten aber, deren Fantasie allmählich Flügel wachsen. Kein Wunder: Der Traum von der Erlösung durch Technik wirkt tief in unserem Unbewussten. Im Kern nämlich ist er so alt wie die Menschheit selbst. Vom zyprischen König Pygmalion etwa wird bereits im 4. Jahrhundert vor Christus berichtet, dass der den natürlichen Menschen – und hier besonders seine weibliche Ausführung – für derart mangelhaft hielt, dass er sich daran versuchte, eine eigene und bessere Version zu kreieren. Als geschulter Bildhauer schnitzte Pygmalion sich diese aus einem großen Vorrat von Elfenbein.

Verstorben an der Verjüngungskur

Es war vielleicht das erste Mal, dass sich die Kreatur zum gottgleichen Kreateur aufschwang, zum „Homo Deus“, wie es über 2000 Jahre später der israelische Historiker Yuval Noah Harari in seinem gleichnamigen Bestseller genannt hat. Für den Berliner Philosophen Jochen Kirchhoff gehört dieser merkwürdige Wunsch nach Befreiung aus den Naturzusammenhängen unmittelbar zur Natur des Menschen dazu: „Wir sind erlösungsbedürftige Wesen, die von der Unzulänglichkeit der physisch-sinnlichen Welt befreit werden wollen“, so Kirchhoff, für den die Kulturgeschichte voll ist von gescheiterten Selbsterlösungsversuchen.
Bald nach Pygmalion etwa ging der nach Gottgleichheit strebende Mensch zu organischeren Materialien über.
So wird von einem frühchristlichen Häretiker mit Namen Simon Magus berichtet, der sich sein Menschen-Upgrade aus diversen Transformationsvorgängen schaffen wollte: Magus verwandelte dafür Luft in Wasser, Wasser in Blut und schließlich Blut in Fleisch. Ein Trick, der nicht funktioniert haben dürfte. Denn dass es nicht ganz so einfach ist, liegt auf der Hand: Und so kam der Schweizer Arzt Paracelsus schließlich auf die Idee, für das gleiche anmaßende Vorhaben menschliche Spermien über 40 Tage hinweg in einem Gefäß mit Pferdemist verfaulen zu lassen. In diesem Prozess würde dann eine durchsichtige Vorversion des Menschen entstehen, die man anschließend noch für 40 Wochen bei konstanter Temperatur mit menschlichem Blut ernähren müsse.
Weit wissenschaftlicher, im heutigen Sinne, wurde die Idee vom künstlichen wie vom ewigen Leben mit der Geburt des Kosmismus, einer Strömung in der russischen Avantgardekunst, in der man von der Ewigkeit auf vergänglichen fremden Planeten träumte. Einer der in diesem Sinne größten Träumer: der Autor und Wissenschaftler Ale­xander Bogdanow. Der schrieb nicht nur skurrile Fantasy-Bücher – etwa über die Transplantation einer Hundeseele in einen Menschen –, vor allem wollte Bogdanow die Methusalem-Formel im Fremdblut junger Knaben erblickt haben. In dem von Stalin mitfinanzierten Institut für Bluttransfusion ließ sich Bogdanow regelmäßig das Blut junger Menschen einträufeln, in der Hoffnung, dass er dadurch selbst zur verlorenen Jugend zurückfinden könne. Der Effekt schlug indes schnell ins Gegenteil um: Bogdanow war nicht einmal 55 Jahre alt, als er während einer seiner blutigen Verjüngungskuren zu Tode kam. Stalin soll fortan übrigens jegliche Wissenschaft für ausgemachte Betrügerei gehalten haben.

Einstein kann nicht der Maßstab sein

Mehr Fantasie als Empirie, mehr Alchemie denn Wissenschaft: Solche Vorwürfe müssen sich auch heute viele moderne Transhumanisten anhören, die bei ihren Kunstgriffen für den neuen Menschen zwar nicht mehr auf Blut oder Innereien, dafür aber auf Halbleiter und Nanobots zurückgreifen. Aubrey de Grey etwa, ein populärer, aber durchaus nicht unumstrittener britischer Bioinformatiker, der vor allem durch seine These bekannt geworden ist, nach der der erste Mensch, der tausend Jahre alt werde, bereits geboren sei, musste sich immer wieder den Vorwurf von Fantasterei und Esoterik anhören. Und dennoch stehen auch seine technikbasierten Anti-Aging-Strategien bei Posthumanisten ebenso hoch im Kurs wie die von Kurzweil oder Musk. Es scheint, als hätte der digitale Extremismus mit seinen schier unvorstellbaren Beschleunigungen auf den Gebieten synthetischer Körpererweiterung und Künstlicher Intelligenzerzeugung allmählich die Schallmauer zwischen Fakt und Fiktion durchbrochen.
So verwundert es am Ende nicht, dass auch der Münchner Psychologe Johannes Hepp noch viele Fragen an all die schönen Biohacks, Body-Upgrades und Augmented Realities hat. Zwar mahnt Hepp grundsätzlich zu mehr Neugier und zu spielerischer Gelassenheit gegenüber der digitalen Technologie; andererseits aber wird ihm gerade auch als praktizierender Psychotherapeut mehr und mehr bewusst, welch Angriffe die neuen Techniken auf das Selbstbild des ohnehin erschöpften Menschen darstellen. Die Tatsache, dass das Handy heute bereits mehr kann als sein jeweiliger Besitzer, erzeuge laut Hepp eine immense Scham und ein gesteigertes Anspruchsdenken. „Besonders der Boomer-Generation steht in riesigen Lettern eine drängende Frage auf die Stirn geschrieben: Wer bin ich noch, wenn mittlerweile selbst meine intellektuelle Arbeit von einer Maschine ersetzt werden kann?“
Hier gelte es dringend Antworten zu finden, mahnt Psychologe Hepp, der jüngst auch ein Buch über all die kleinen und großen Neurosen verfasst hat, die den Menschen mittlerweile im Angesicht seiner Technik befallen. „Wir brauchen Antworten, die auch den ins Extrem gesteigerten Perfektionismus hinter sich lassen“, glaubt Hepp. Es könne schließlich nicht sein, dass ich erst Einstein werden muss, um als denkendes Wesen überhaupt noch konkurrenzfähig zu sein.

Menschen sind mehr als ein Datensatz

Philosoph Jochen Kirchhoff würde dem zustimmen. Für ihn ist der Transhumanismus im Wesentlichen ein Angriff auf die „Innenseite des Menschen“: Denn in dieser wissenschaftsgläubigen und vollkommen reduktionistischen Ideologie zähle nur noch die äußere, die formale Seite der Phänomene. All das, was messbar ist und was durch die Brille der Naturwissenschaften betrachtet werden könne. „Das, was darüber hinausgeht – Farben, Klänge, Empfindungen, Emotionen –, wird als subjektiv und somit als irrelevant abgestempelt“, so Kirchhoff, dem als Lösung für den in jeglicher Hinsicht vermessenen Menschen nur noch die Rückbesinnung auf das Lebendige einfällt.
Auch Psychologe Hepp meint eine einfache und doch zugleich unendlich schwierige Lösung für die Herausforderungen durch den Transhumanismus gefunden zu haben: „Wir können etwas, was der Chatbot nicht kann und was auch durch die Verschmelzung mit der Technik nicht unbedingt besser werden wird: Beziehung.“ Das Einzige, was daher überleben werde, sei die körperliche Beziehung zwischen zwei Menschen, so Hepp. Es mache für ihn daher einfach keinen Sinn, mit einer selbstlernenden KI weiter in den Wettstreit treten zu wollen: In einer solchen Konkurrenz würden wir ganz sicher scheitern. „Wenn wir aber überleben wollen, dann als Menschen. Als Wesen mit einzigartigen Kräften. Mit Träumen, Gefühlen, Schmerzen, mit Geschichte, Tagesform und seelischen Narben.“ Das ist es, was bleiben wird, sagt Hepp nach ausführlicher Nutzen-Risiko-Abwägung. „Wenn wir versuchen wollen, in einem Spiel zu punkten, in dem uns die Roboter und Künstliche Intelligenz schon jetzt überlegen sind, winkt am Ende nicht mal ein Trostpreis.“
Philosoph Johannes Hoff blickt ebenfalls auf das, was den Menschen wirklich zum Menschen macht: Ebenso wenig, wie die Wirklichkeit nämlich nur die Gesamtheit aller Informationen und Intelligenz nur Informationsverarbeitung ist, so ist auch der Mensch für Hoff nicht nur ein erweiterter Datensatz. Die menschliche Natur, so der namhafte Transhumanismus-Kritiker, zeichne sich durch Verletzbarkeit, Gestimmtheit und Selbstbewusstsein aus. Wir sind in der Lage, ein Gefühl für die eigene Sterblichkeit zu entwickeln und aus dieser tiefsten Wunde sogar noch Sinnhaftigkeit zu erzeugen.

Die Trauer macht menschlich

Für Ray Kurzweil aber, den großen Computerpionier aus Queens, New York, scheint genau das das Problem zu sein: dieses Gefühl für die eigene Sterblichkeit; dieser Schmerz, der ihn erstmals vielleicht im Jahr 1970 überkam. Damals, als er gerade einmal 22 Jahre alt war und sein Vater Frederic an einem Herzinfarkt starb. „Das lag wie eine dunkle Wolke über meiner eigenen Zukunft“, erinnert sich Kurzweil, der bis heute alles von seinem Vater aufbewahrt hat. Jeden Schnipsel, dessen er habhaft werden konnte: die Liebesbriefe, die Partituren, die Filme und die Fotos. Hunderte Kisten, die in seiner Garage lagern. Das alles will er irgendwann digitalisieren. Zudem will er Original-DNA des Vaters mit hinzugeben, um dann mithilfe von Künstlicher Intelligenz einen Avatar zu kreieren. „Diese Person wird meinem Vater sehr ähnlich sein. Vielleicht wird sie ihm sogar ähnlicher sein, als er es sich selbst war.“
Die Überschreitung des Menschen: Für Kurzweil und viele seiner transhumanistischen Anhänger scheint sie einzig noch ein technisches Problem zu sein. Dabei gäbe es längst einen anderen, einen weit bewährteren Weg, um als Mensch über sich selbst hinauszuwachsen: die Anerkennung von Begrenzung und der Beginn der eigenen Trauer. Im Angesicht der wachsenden technischen Möglichkeiten ist dies vielleicht der einzige Weg, um auch in Zukunft noch Mensch bleiben zu können.

 

Homo Digitalis – Obdachlos im Cyberspace

Homo Digitalis – Obdachlos im Cyberspace ist ein Essay über den tiefgreifenden Wandel unserer Wahrnehmung im digitalen Zeitalter: Wie die Digitalisierung unsere Erinnerung, unser Denken und unser Gefühl für die Offline-Welt verändert – und warum das Wissen der „digital immigrants“ wichtiger denn je werden könnte.

Aus dem Prolog zu diesem Essay

Prolog: Es gibt Entwicklungen, die einen grundlegenden Wandel unserer Lebenswelt einleiten – als werde eine Schwelle überschritten, ein point of no retum erreicht. Die Digitalisierung mit all ihren Umbrüchen auf den Gebieten Kommunikation, Denken, Wahrnehmung, Handeln und Erinnern stellt eine solche Entwicklung dar. So wie die Menschen mit der beginnenden Schriftkultur vermutlich bald schon nicht mehr gewusst haben werden, wie es war, im magischen Bewusstsein der Bilder zu leben, so kommt uns in unserer gegenwärtigen Online-Kultur mehr und mehr das Gefühl für die Offline-Welt abhanden.

Gerade einmal dreißig Jahre ist es jetzt her, dass mit den sogenannten digital natives eine Generation die Bühne der Welt betrat, die erstmals keinerlei eigene Erinnerung mehr an ein nahezu vollkommen analoges Leben hatte. »You are terrified of your own children, since they are natives in a world where you will always be immigrants«, hieß es 1996 in der vom US-amerikanischen Menschenrechtler John Perry Barlow verfassten »Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace«. Fortan also zerfielen die Menschen in zwei Gruppen: die Eingeborenen und die Fremden; die mit der Zukunft vor Augen
und die mit der sicherlich oft auch lähmenden Geschichte im Gepäck.

Und wer möchte schon im Sinne Barlows ein Immigrant sein – zumal in einer zunehmend virtuellen Welt, die sich selbst mehr und mehr zu verflüchtigen scheint. Man stelle sich nur einmal vor, irgendwann um das dritte Jahrtausend vor Christus als Nicht-Alphabetisierter in Mesopotamien gelebt zu haben: Während um einen herum immer mehr Menschen die Welt in Zeilen und Linien – und somit in ein chronologisches Nacheinander – zu ordnen begannen, steckte man selbst fest in einer durch Bilder generierten Gleichzeitigkeit.(1) Und während für andere allmählich das historische Bewusstsein begann, blieb man selbst dem magischen Denken verhaftet. Hat man den Schritt in gänzlich neue Wahrnehmungsmuster einmal vollzogen, schwinden die einst das Dasein prägenden Erfahrungswerte. In den frühen Hochkulturen brauchte es dafür zuweilen Jahrtausende, heute vollzieht sich ein solcher Prozess in nicht einmal einer Generation.

Jeder Medienwechsel ist so gesehen vor allem ein Bewusstseinswechsel. Und es wäre wohl vermessen, wollte man dem Fortschritt ins Getriebe greifen. Doch hüten gerade auch die digital immigrants einen nicht unerheblichen Wissensschatz: Alles könnte eben auch ganz anders sein. Von dieser Erkenntnis handelt der folgende Essay. Er versteht sich nicht als nostalgische Rückrufaktion für die analoge Welt vor 1990; und er will schon gar nicht die vielen positiven Veränderungen leugnen, die die zunehmende Nutzung und Vernetzung von Computern in den letzten Jahrzehnten mit sich gebracht haben. Dieses Buch will vielmehr Wissen und Erfahrungen konservieren; Erfahrungen, die noch einmal von Bedeutung sein könnten für die Conditio Humana.

Rezensionen: Im SWR2 lesenswert: Ralf Hanselle – Homo digitalis. Obdachlos im Cyberspace
und Radiogeschichten vom Ö1.