Erzählung Novemberholz über die Handtasche. Text zum 11. Würth Literaturpreis, herausgegeben von Herta Müller

Zum 150. Geburtstag von Thomas Mann beleuchtet das Buddenbrookhaus sein Verhältnis zur Demokratie. Leiterin Caren Heuer erklärt im Interview, wie aktuell Manns politischer Wandel ist – und warum sein Werk heute neu gelesen werden sollte.
IM GESPRÄCH MIT CAREN HEUER am 25. Mai 2025

Hysterie hat Konjunktur. In der Politik, der Wissenschaft, den Medien. Überall wird an der Erregungsschraube gedreht. Doch verlieren wir darüber nicht den Blick auf die Realität – und am Ende vielleicht sogar den Verstand?
Jüngstes Opfer: ein harmloser Spielfilm, „Rote Sterne überm Feld“. Im Januar noch, während des Filmfestivals von Saarbrücken, hatte dieser eigentlich unpolitische Kriminalfilm der Berliner Regisseurin Laura Laabs die höchste Kritikerauszeichnung beim Max-Ophüls-Preis gewinnen können. Doch weil der im Sommer 2023 unter Vergewaltigungsverdacht geratene Rammstein-Sänger Till Lindemann gleich zwei winzige Gastauftritte in dem Streifen hatte, kam der Erfolg bald zum Erliegen. Schon im April, während des Festivals „Achtung Berlin“, sollte ein abermaliges Screening unterbunden werden. Aktivisten hatten die geplante Vorführung angeprangert. Wie so oft anonym übers Internet. Auch wenn das Ermittlungsverfahren gegen Lindemann bereits im August 2023 wegen eines fehlenden hinreichenden Tatverdachts eingestellt worden war. Empörung schlug Recht. Wieder einmal. Man einigte sich schließlich auf eine belehrende Rahmung: „Achtung Berlin“ zeigte „Rote Sterne überm Feld“ nur mit „entsprechender Anmoderation und anschließendem Q&A mit Expert:innen“.
Die Deutschen sind zerrissen
Wann werden wir enden?
Denn der Deutsche hat Angst. Angst vor steigenden Lebenshaltungskosten, Angst vor der schlechten Wirtschaftslage, vor allem aber Angst vor der Angst. Das Meinungsforschungsinstitut Yougov offenbarte im Mai 2025, wie tief man hierzulande in den Abgrund zu starren geneigt ist: 59 Prozent etwa, so die Umfrage, haben Angst vor dem Ausbruch eines Dritten Weltkriegs. 43 Prozent fürchten die Wiedereinführung einer Diktatur. 64 Prozent das Ende der Demokratie.
Der Teufel sitzt immer mit am Tisch
Da zuckt der Rest der Welt vielleicht nur gelangweilt mit den Schultern, doch auf unserer Seite des Ärmelkanals reicht ein Schmetterlingsschlag, um Code Red auszulösen. Ein schneller Blick in deutsche Zeitungen bringt es denn auch an den Tag: „Immer mehr Prepper bereiten sich auf den Untergang vor“, titelte jüngst eine in Berlin erscheinende Wochenzeitung und beschrieb unter der reißerischen Überschrift, wie ein drohender Zusammenbruch der Zivilisation die apokalyptische Reiterei zum deutschen Volkssport erheben könnte.
„Angst vor dem Pakt mit dem Bösen“
Die Sucht nach Extremen
Dabei ist Anders Ellebæk Madsen gewiss nicht der Erste, der von jenseits einer deutschen Grenze mit ziemlichem Unverständnis auf die emotionale Überspanntheit drüben beim größeren Nachbarn blickt. Der ungarische Sozialpsychologe und Politiker István Bibó etwa, während des Ungarn-Aufstands von 1956 zeitweilig Staatsminister von Imre Nagy, hatte bereits Anfang der 1940er Jahre ein Buch geschrieben, in dem er die eigentümliche „Deformierung der deutschen Gesinnung“ zu analysieren versucht hat. Und egal, wie man zu Bibós Gedanken heute im Einzelnen stehen mag, der Titel des Werkes überzeugt noch immer: „Die deutsche Hysterie. Ursachen und Geschichte“.
Hypersensibel und überdehnt
„Man ist jetzt unglaublich schnell auf Betriebstemperatur“, sagt Kubicki, der in der Vergangenheit stets vor hysterischer Überdehnung gewarnt hatte – sei es, wie zuletzt, in der Debatte um einen besseren Schutz des Bundesverfassungsgerichts vor „demokratiefeindlichen Kräften“ oder in Bezug auf die seiner Meinung nach einseitige politische Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: Während die Wogen oft bereits hochschlugen, blieb der Norddeutsche kühl und geerdet.
Soziale Medien spielen eine enorme Rolle
Helge Lindh, seit 17 Jahren Abgeordneter für die SPD und nahezu im gesamten Parlament als brillanter Rhetoriker geschätzt, weiß nur zu gut, dass die Digitalisierung das politische Klima verändert hat. Was ist heute schon gute Rhetorik in Anbetracht eines wackelnden Reels auf Social Media? Und was zählt ein Argument, wenn es nicht emoji-tauglich „verhashtagt“ werden kann? „Das ist zuweilen durchaus niederschmetternd“, gesteht Lindh, der als studierter Philologe zu den wenigen Geisteswissenschaftlern im Bundestag zählt.
Glatt statt kantig
Der Heidelberger Psychiater und Psychoanalytiker Günter H. Seidler, der seit langer Zeit schon zu Hysterie und ihren Ursachen forscht, sieht genau in solchen Phänomenen ein Indiz dafür, dass wir als Gesellschaft vielleicht wirklich immer hysterischer werden. Der Hysteriker, sagt Seidler, hat keinen körperbasierten Zugang zu seiner eigenen Emotionalität. Gefühle würden daher immer eher gespielt, als dass sie wirklich erlebt würden. „Das passt zu einer Gesellschaft, die Inhalte immer öfter durch Performance ersetzt und die ihren Körper gegen Virtualität eintauscht.“
Angst hat eine Schutzfunktion
Die übrigens, die Endzeitjünger, die hat es nämlich nach Meinung von Thomas Brussig schon immer gegeben. Zu allen Zeiten, sagt der Autor von Bestsellern wie „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ und „Wie es leuchtet“, habe es auch Menschen gegeben, die der festen Überzeugung anhingen, dass die nächste Herausforderung nun aber wirklich nicht mehr zu schaffen sei. Und weil sich auch Brussig als eher „ängstlichen Typen“ bezeichnet, hat er aus der Not eine Philosophie gezimmert. Brussig ist nämlich Urheber einer Art Kategorischen Imperativs für die trügerischen Tage der Vorendzeit. Sicher ist schließlich sicher! „Jede Bedrohung sollten wir so behandeln, als wenn sie uns tatsächlich umbringen könnte“, meint Brussig. Dann, so ist er überzeugt, werde schon alles gut gehen.
Deutschland macht sich zum Problemfall
Illustration: Marie Wolf
Vor 150 Jahren wurde C.G. Jung geboren. Sein Werk ist ein Appell zur Rettung der Tiefenschichten im Menschen. Jungs Warnung vor einer Welt der kalten Rationalität ist daher aktueller denn je.
Der Tod ist nur ein Sprung über eine unsichtbare Grenze hinweg. Für C.G. Jung, dem neben Sigmund Freud und Alfred Adler gewiss wichtigsten Psychoanalytiker des 20. Jahrhunderts, war das ganz selbstverständlich: Sterben war für ihn nur der Übergang in einen anderen Bewusstseinszustand. „Ich habe gute Gründe anzunehmen, dass die Dinge mit dem Tod nicht zu Ende sind. Es scheint, als sei das Leben ein Zwischenspiel in einer langen Geschichte“, bekannte der Schweizer Psychiater und Sohn eines reformierten Theologen am 19. November 1955, gut sechs Jahre vor seinem tatsächlichen Tod, in einem Brief an eine unbekannte Adressatin: „Diese Geschichte bestand schon, bevor ich war, und wird höchstwahrscheinlich weitergehen, wenn das bewusste Intervall in einer dreidimensionalen Existenz zu Ende ist.“
Vordenker der Bilder
Magier der Moderne
Für Jung misst sich diese Entmenschlichung an der Preisgabe der Tiefenschichten unserer Existenz, an der Opferung unserer Bilder, Mythen und Sehnsüchte und am endgültigen Sieg eines nackten Verstandes. Er schrieb diese Zeilen in der Mitte eines Jahrhunderts, welches möglicherweise nur die Ouvertüre zu jener Ära bildete, die sich heute vollends an Szientismus und an kalte, weil technisch fingierte Rationalität verkauft hat. Ein Computer jedenfalls träumt nicht. Und das Metaversum wirft keine Schatten. Ein Leben aber ohne derlei Tiefenschichten der Existenz, so lautet die immer noch nachhallende Warnung aus dem Werk eines der wichtigsten Väter der analytischen Psychologie, ist ein Leben auf der brüchigen Kante eines Abgrunds.
Kunst ist absolute Freiheit. Kaum ein Künstler lebt diese Haltung derart radikal wie Jonathan Meese. Dies drückt er aus mit Malerei, Bildhauerei und Performancekunst. Ein Gespräch über Bayreuth, Cancel Culture und die Selbstreinigung des Herzens. Ein Besuch.
Früher ging es um Reformen, doch damit ist es inzwischen nicht mehr getan. Für jeden Lebensbereich fordert die Politik heute „Transformation“ ein. Sie scheint in den existenzbedrohenden Szenarien der Gegenwart der letzte Ausweg zu sein.
Der große Sprung muss her
Das Spezialgebiet von Endzeitsekten
Die Geburt der Transformation
Der letzte Ausweg
Die Inflation der Transformation
Wir müssen unser Menschsein behaupten
Unterm Strich: Ralf Hanselle im Gespräch Hans-Christian Schink
Hans-Christian Schink im Interview – UNTERM STRICH
Anlässlich seines 50. Geburtstags und in Anbetracht großer Einzelausstellungen in Weimar, Erfurt und Duisburg traf PHOTOGRAPHIE den renommierten Bildkünstler Hans-Christian Schink, um mit ihm über seine neue Arbeit „1h“ zu sprechen.
Hans-Christian Schink wagt es, neue Wege zu gehen. Der in Leipzig und Berlin lebende Fotokünstler, der Mitte der 90er-Jahre mit einer viel beachteten Serie über die gigantischen Straßenbauprojekte in den neuen Bundesländern von sich reden gemacht hat, verlässt mit seiner neuen Arbeit „1h“ sicheres Terrain. „1h“ ist der gelungene Versuch, konventionelle Sehgewohnheiten gegen den Strich zu bürsten. Auf diese Weise hat sich Schink vollkommen neue Bildräume erobert. In PHOTOGRAPHIE spricht der Künstler über das Gerinnen der Zeit sowie über die verschwindenden Landschaften seiner Kindheit.
Herr Schink, warum sehen Fotoapparate und Fotografen nicht immer dasselbe?
Hans-Christian Schink: Den Begriff des Sehens würde ich auf einen Fotoapparat nicht anwenden. Denn Sehen schließt für mich nicht nur die Aufnahme, sondern auch die Verarbeitung von Informationen ein. Aber wenn man nur von der reinen Informationsaufnahme ausgeht, dann gibt es tatsächlich einen entscheidenden Unterschied zwischen einem menschlichen Auge und einer Kamera: Die Kamera hält der Einstrahlung von Sonnenlicht stand. Das heißt, weder Objektiv noch Film werden beschädigt, wenn sie eine Stunde lang direkt in die Sonne gerichtet sind.

Genau diesen Umstand haben Sie sich für Ihr aktuelles Projekt „1h“ zunutze gemacht.
Ja. „1h“ ist eine experimentelle Serie, die sich mit sogenannten Solarisationseffekten auseinandersetzt.
Können Sie das genauer erklären?
Solarisationseffekte entstehen, wenn eine im Bild befindliche Lichtquelle – etwa die Sonne – einen bestimmten Grad an Überbelichtung erzeugt. Das Ergebnis ist dann zunächst sehr irritierend: An der Stelle, wo unserer Erfahrung nach gleißendes Licht sein müsste, bildet sich auf der Fotografie tiefstes Schwarz ab. Somit kehrt sich unsere Wahrnehmungserfahrung um.
Normalerweise sehen wir die Sonne als Punkt oder Ball am Himmel. Warum aber sehen wir auf den Bildern Ihrer Serie nicht Punkte, sondern Linien?
Das hängt mit der Belichtungszeit zusammen, die ich für „1h“ gewählt habe. Als ich mit der Serie anfing, kam mir sehr bald eine Fotografie von Minna White mit dem Titel „Black Sun“ in den Sinn. Es ist die Aufnahme einer Winterlandschaft, bei der durch einen Zufall – den kurzzeitig eingefrorenen Kameraverschluss – die Sonne schwarz abgebildet wurde. Bei White zeigt sie sich tatsächlich als ein einzelner Punkt. Ich aber wollte versuchen, diesen Effekt mit einer längeren Belichtungszeit einzusetzen. Meine Idee war es, die Sonne in ihrem Verlauf zu zeigen. Dieser bildet sich dann als schwarze Linie auf den Fotografien ab.
Sie haben sich bei jeder Aufnahme der Serie für eine Belichtungszeit von genau einer Stunde entschieden. Warum?
Ich habe im Vorfeld viele Experimente durchgeführt. Die Dauer von einer Stunde erschien mir am Ende am geeignetsten. Sie ist unser gebräuchlichstes Zeitmaß. Mir war zudem schnell klar, welches Potenzial dieses Projekt barg. Es ging dabei um zwei der wesentlichsten Aspekte der Fotografie – um Licht und Zeit. Und dies auf eine sehr ungewöhnliche, fast abstrakte Weise. Ich konnte das Licht der Sonne abbilden, ohne dass dies auf den ersten Blick erkennbar sein würde. Ich konnte das Vergehen von Zeit darstellen, ohne dass es im Foto sofort nachvollziehbar wäre.
Für diese „fotografische Grundlagenforschung“ haben Sie Ihre Solarisationsexperimente an verschiedenen Orten der Erde durchgeführt: in Argentinien, Norwegen und auf Sansibar. Nach welchen Kriterien haben Sie diese einzelnen Aufnahmeorte ausgewählt?
Einer der faszinierenden Aspekte, die während der langen Experimentierphase deutlich wurden, war der extrem unterschiedliche Winkel der Sonnenlinie. Der hing davon ab, auf welchem Breitengrad der Aufnahmestandort lag. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, das Projekt auf die ganze Welt auszudehnen. Ich begann, Orte nach bestimmten Kriterien auszusuchen. Ich wollte jeweils eine Aufnahme von den nördlichsten und südlichsten Punkten, die mit vertretbarem Aufwand zu erreichen waren. Ich wollte ein Bild der Mitternachtsonne und Fotos von Orten auf den Wendekreisen des Krebses und des Steinbocks zur Zeit der Sonnenwende, ein Foto möglichst nah am Äquator und eines an der Datumsgrenze. Und ich wollte ein breit über den Globus verteiltes Spektrum von Aufnahmen ganz unterschiedlicher Landschaften. Ich reiste mit zwei Großformatkameras, zwei Stativen und weiterer Ausrüstung zum Teil mehrere Wochen. Es stellte sich immer auch die Frage nach der Erreichbarkeit, der Infrastruktur oder zumindest praktikabler Transportmöglichkeiten.
„Weder Objektiv noch Film werden beschädigt, wenn sie eine Stunde lang direkt in die Sonne gerichtet sind.“
„1h“ war ein auf mehrere Jahre angelegtes Projekt. Ähnlich entschleunigt und langsam sind Sie Ende der 90er-Jahre auch schon an Ihre erste große Serie mit dem Titel „Verkehrsprojekte Deutsche Einheit“ herangegangen. Mit dieser eigentlich sehr deutschen Arbeit über Straßenbauprojekte in den neuen Bundesländern gelang Ihnen 2004 der internationale Durchbruch. Wie sind Sie damals auf die Idee gekommen, sich über einen solch langen Zeitraum mit den Straßenbauprojekten in den neuen Bundesländern auseinanderzusetzen?
Ich war damals viel für Auftragsarbeiten unterwegs und habe in dieser Zeit mehr und mehr realisiert, wie sehr sich die Städte und Landschaften meiner Kindheit veränderten. In einem massiven Bauboom entstanden neue Einkaufszentren, suburbane Wohnsiedlungen und Industriegebiete; vor allem aber die zahlreichen neuen Autobahnbauten. Irgendwann ist mir klar geworden, dass darin ein eigenes Thema stecken könnte. Das habe ich verfolgt – fast acht Jahre lang, bis zum Jahr 2003.
Das, was damals in den neuen Bundesländern passiert ist, hat einen interessanten Vorläufer in der Geschichte der Kunst. Sie zeigen auf Ihren Bildern, wie Natur durch menschliche Eingriffe optimiert und idealisiert wird. Ähnliches haben flämische Maler wie Jan Brueghel oder Paul Bril bereits Jahrhunderte zuvor auf ihren idealisierten Landschaftsdarstellungen versucht.
Daran habe ich während des Projekts auch gedacht. Bemerkenswert ist, dass ich einst an der Hochschule im Fach Kunstgeschichte eine Arbeit über diese Form der Landschaftsdarstellung geschrieben hatte. In der ersten Zeit nach dem Studium war dies nicht mehr wirklich präsent. Aber während der Arbeit an den Verkehrsprojekten habe ich gemerkt, dass es Bezüge zur flämischen Malerei tatsächlich gibt. Das Projekt hat mir somit wieder deutlich gemacht, mit welcher Sehschule ich aufgewachsen bin.
Die Alten Meister hatten noch Wahlmöglichkeiten. Sie hatten Naturräume auch noch in ihrer Ursprünglichkeit darstellen können. Für einen heutigen Landschaftsfotografen indes hat es den Anschein, dass es unberührte Natur gar nicht mehr gibt. Die Idyllen auf den Bildern eines Fotoklassikers wie Ansel Adams etwa wirken längst überkommen.
In meinen Anfangsjahren war ich ein großer Fan von Adams. Das hat sich jedoch zunehmend verloren. Diese Überdramatisierung von Landschaft konnte ich nicht mehr nachvollziehen. Vielleicht muss man aber berücksichtigen, dass Adams die amerikanischen Nationalparks vor Augen hatte, in denen eine gewisse Urwüchsigkeit noch vorhanden sein möchte. Aber in Europa gibt es im Prinzip keine unberührte Natur mehr.
Nach der Arbeit an den Verkehrsprojekten haben Sie ästhetisch sehr ähnliche Serien auch außerhalb Europas verwirklicht: in Peru, Los Angeles oder Vietnam. Auch hier lässt sich beobachten, wie die Kultur der Natur zunehmend die Luft wegdrückt. Wieso haben Sie damals angefangen, sich Ihre Themen auf dem gesamten Globus zu erschließen?
Das hatte unterschiedliche Gründe. Zum einen wurden einige Projekte im Kontext von Auslandsstipendien verwirklicht, zum anderen ging es für mich nach einer so langen Arbeit an einem deutschen Thema um die Frage, wie ich mit Orten umgehe, zu denen ich keine biografischen oder kulturellen Bezüge hatte.
Und doch gibt es noch immer Kritiker, die in Ihrer Fotografie etwas spezifisch „Deutsches“ sehen wollen – eine Art romantische Melancholie.
Viele sehen das so. Ich hatte das nicht beabsichtigt, auch wenn ich im Nachhinein durchaus einräumen will, dass da etwas „typisch Deutsches“ in einigen Bildern sein mag. Vielleicht gibt es aber auch rationalere Gründe: einerseits den zunehmenden Erfolg der deutschen Fotografie in den letzten Jahren, andererseits die Tatsache, dass die Publikation der „Verkehrsprojekte Deutsche Einheit“ im Jahr 2004 zeitlich mit dem Höhepunkt der politischen Diskussion über Kosten und Nutzen der deutschen Wiedervereinigung zusammenfiel. Es gibt eben immer auch Dinge, die man nicht beeinflussen kann.
Alle reden von ChatGPT. Dabei ist die selbstlernende KI nur Teil einer Revolution, die ihre Verfechter „Transhumanismus“ nennen. Radikale Skeptiker bemühen längst ein anderes Wort: Apokalypse.
Kommen wir gleich zur Sache: Wir werden sterben! Unsere Körper werden verwelken. Unser Verstand wird verschwinden. Nichts wird mehr bleiben. Für die wohl allermeisten von uns ist eine solche Vorstellung die mit Abstand größte Kränkung des Lebens: der Tod, eine Schweinerei! 
Mehr als esoterische Science-Fiction
Die „Singularität“ naht
Ray Kurzweil, Pionier auf den Gebieten Spracherkennung und Sprachsynthese, der einem breiten Publikum vor allem durch die in den 1980er Jahren von ihm entwickelten Kurzweil-Synthesizer bekannt geworden ist, steht mit solchen reduktionistischen Überlegungen nicht alleine da. Unzählige Milliardäre aus dem Silicon Valley teilen mit ihm den Traum von der menschengemachten Unendlichkeit. So bekannte etwa der Tech-Investor und Paypal-Mitbegründer Peter Thiel bereits vor Jahren, dass er angetreten sei, den Tod zu bekämpfen. Und Elon Musk, bis zu seiner Twitter-Übernahme im Jahr 2022 immerhin der reichste Mensch im bis dato bekannten Universum, glaubt fest an eine mindestens digital generierbare Ewigkeit.
In ihr werden Mensch und digitale Maschine, die schon heute durchschnittlich 10,5 Stunden pro Tag miteinander verbringen, unzertrennlich und glücklich vereint sein – bis ans dann wohl nicht mehr eintretende Ende aller Tage. Dieser Glaube ist bei dem eigenwilligen Milliardär und X.com-Gründer mittlerweile derart zur Gewissheit geworden, dass er große Teile seines Vermögens in ihn investiert hat. Mit seinem 2016 gegründeten Unternehmen Neuralink lässt Elon Musk sogenannte Brain-Computer-Interfaces erforschen. Schnittstellen, die in der Zukunft sogar das Upload von Gedanken auf einer Computer-Cloud sowie umgekehrt das Einspielen Künstlicher Intelligenz in das menschliche Gehirn ermöglichen sollen.
Ray Kurzweil, der vielleicht noch immer größte Prophet des kalifornischen Transhumanismus, ist also wahrlich kein Einzelfall. Für den Computerpionier aus Queens, New York, der einst in einer jüdischen Familie von Künstlern und Musikern groß geworden ist, wird der Tod in wenigen Jahren ausgespielt haben. Sollte es nämlich stimmen, dass sich die Leistung von Computerchips mit jedem Kalenderjahr nahezu verdoppelt – und das ist, wie der Intel-Mitgründer Gordon Moore herausgefunden hat, mindestens schon seit 1965 der Fall –, dann sei es nur noch eine Frage der Zeit, bis endlich auch jener magische Punkt erreicht sei, an dem Fortschritt unendlich und der Mensch als natürliche Folge dieser grenzenlosen Potenzialität mit der digitalen Technik eins werden wird. Unter eingefleischten Transhumanisten im Silicon Valley, die mittlerweile immer mehr in Biotech-Start-ups denn in reine Computerunternehmen investieren, wird dieser Punkt die „Singularität“ genannt.
Juliane von der Ohe hat schon drei Chips in sich
Wer also, geblendet etwa durch die aktuellen Debatten um den Chatbot ChatGPT, meint, die Künstliche Intelligenz alleine wäre schon die größte Herausforderung für den längst vollkommen antiquiert daherkommenden Menschen, dem ist vermutlich noch nicht in Gänze zu Bewusstsein gekommen, dass die KI-Entwicklung parallel zu bis dato ungeahnten Revolutionen auf den Gebieten Genetik, Prothetik sowie Bio- und Nanotechnologie verläuft. Zusammen, so sind sich die Verfechter der reinen transhumanistischen Lehre einig, wird das schon in Kürze eine Kraft freisetzen, die den Menschen über einen neuen Urknall hinauskatapultieren könnte. ChatGPT sowie die Google-Konkurrenten Bard oder Tongyi Qianwen vom chinesischen Tech-Konzern Alibaba sind also nur die aktuell sichtbarsten Vorboten einer technisch vollkommen runderneuerten Zukunft. Quasi die Betaversion des Homo sapiens cum technologica – des neuen Menschen, der uns Heutigen aufgrund seiner immer weiter voranschreitenden Fusion mit der Technologie als Cyborg, also als Mischwesen aus Biologie und Maschine, erscheinen wird.
Für die kalifornischen Transhumanisten ist das die vermutlich letzte Utopie einer an sich eher gelangweilt dahindümpelnden Gegenwart: Ihrer Meinung nach werden Nanobots in den Hirnkapillaren schon bald unsere Intelligenz vergrößern. Und sobald unser eigenes Gehirn erst mit der KI verschmolzen sein wird, wird unsere Hirnleistung exponentiell anwachsen. Realität und virtuelle Realität werden dann vollkommen eins sein. Und irgendwann, so ihre Überzeugung, werden die Schnittstellen zwischen Mensch und Technik derart perfekt sein, dass wir uns nicht nur zu jeder Zeit in andere Personen und Welten verwandeln können, ein sogenanntes Mind-Upload wird uns dann auch für immer unsterblich machen. „Wir sind die Spezies, die Naturgesetze transzendiert“, so formuliert es Ray Kurzweil, für den der Moment immer näher rückt, in dem unsere Körper nur noch als aufgerüstete Version ihrer minderwertigen biologischen Basisausstattung zu haben sein werden. Die Verdauungssysteme werden neu gestaltet, das Herz wird hinfällig, und sogar das Blut wird programmierbar werden.
Programmierbares Blut? Juliane von der Ohe ist eigentlich schon froh, wenn sie mit ihren kleinen, selbst gekauften Body-Enhancements die Tür aufschließen kann. Die 63-jährige Landwirtin aus dem niedersächsischen Örtchen Natendorf hat sich drei Chips in ihren Körper implantieren lassen. Mit dem einen öffnet sie ihre Haustür, mit einem anderen entsperrt sie den Computer. Und mit ihrem neuesten Chip kann sie sogar bargeldlos bezahlen. Juliane von der Ohe ist mit den kleinen Upgrades ihres biologischen Körpers im Wesentlichen sehr zufrieden. Auch wenn sie in letzter Zeit des Öfteren darüber nachdenkt, sich zusätzlich noch einen „Tesla-Chip“ für das Auto einpflanzen zu lassen. „Das tut in der Regel ja auch nicht weh“, sagt sie und könne theoretisch in jedem Piercing-Studio gemacht werden. Auch wenn in der Praxis natürlich nicht jeder auf das saubere „Chipping“ – den sogenannten Bodyhack – spezialisiert ist.
Der erste amtliche Cyborg
Sie selbst jedenfalls ist immer noch begeistert. Warum auch nicht? Sie ist kein Freak oder abgedrehter Tech-Nerd. Eher erscheint sie vollkommen bodenständig: Juliane von der Ohe bewirtschaftet einen Bauernhof, ist sogar Mitglied der CDU und Bezirksvorsitzende der Mittelstandsvereinigung. Eine ganz normale Frau vom Dorf. Nur dass sie die Haustür eben anders öffnet als andere. Sie könne sich auch gut vorstellen, in Zukunft die Zeiterfassung bei der Arbeit oder die medizinischen Basisdaten direkt vom Körper ablesen zu lassen. „Ist doch praktisch“, sagt von der Ohe, die in solchen Momenten gerne darauf verweist, dass sie immer schon eine Mischung aus Raumschiff Enterprise und menschlicher Faulheit gewesen sei. Andere hätten eben einen Herzschrittmacher oder eine Prothese. Die Grenzen zwischen Kunst und Leben seien da fließend. Außerdem arbeite sie in der Landwirtschaft, einer sehr innovativen Branche – gerade auch was Interfaces zwischen Mensch und Maschine angehe. Vielen sei das vielleicht nicht bewusst, so von der Ohe, aber auch Schweine und Kühe würden mittlerweile gechippt.
Ein Argument, das bis dato nur wenig Durchschlagskraft zu besitzen scheint. Zwar gibt es keine aktuellen Zahlen zum Thema Biohacking, doch eine ältere Umfrage aus dem Jahr 2015 zeigt, dass die Bereitschaft zum Chip-Implantat zumindest vor acht Jahren noch sehr gering gewesen ist. Am ehesten konnten sich die Befragten damals dafür begeistern, ein Implantat zur Messung von Körperfunktionen oder zur medizinischen Kontrolle einsetzen zu lassen. Laut eines Berichts des Informationsdiensts Bloomberg aber ist das Interesse seither kontinuierlich gewachsen. Demnach sollen weltweit bereits gut 100 000 Menschen kleine Chips unter der Haut tragen. In der Regel seien diese Bodyhacks nicht größer als ein Reiskorn und kosteten gut 60 Euro. Und der Markt wächst. Laut Bloomberg könnte er bis 2025 bereits auf 2,3 Milliarden US-Dollar anwachsen.
Die Menschmaschine wird also immer normaler. Und einen ersten amtlich bestätigten Cyborg gibt es auch schon: den britischen Künstler Neil Harbisson. Er ist der erste Mensch der Welt mit einer implantierten Antenne im Schädel. Diese ermöglicht es dem farbenblinden Künstler, Farbreize in akustische Signale zu übersetzen. Ein Implantat, das nach anfänglichen Protesten mittlerweile auf Harbissons amtlichem Passbild zu bewundern ist. Ein echter Hingucker. Aber ist das wirklich schon der Einstieg in die schöne neue Welt des Transhumanismus? Oder doch eher eine sinnverlorene Spielerei? Während Landwirtin von der Ohe zukünftig von Fall zu Fall entscheiden will, wie weit sie bei ihrer technischen Auf- und Nachrüstung noch mitgehen will, ist für Ray Kurzweil die Schlacht längst geschlagen: Noch 22 Jahre, so die Berechnungen des amerikanischen Cybergurus, dann träte die Mensch-Maschine-Schnittstelle in die Ewigkeit ein.
Nicht alle sind begeisterte Transhumanisten
Bis dahin muss der 1948 geborene Kurzweil aber entweder noch ein bisschen durchhalten – oder er muss sich, sollte der Tod doch einmal allzu zudringlich an der Haustür klopfen, bei minus 196 Grad in flüssigem Stickstoff kryokonservieren lassen. Bei diesem als Vitrifizierung bekannten Verfahren wird eine vollständige Unbeweglichkeit der menschlichen Zellen erreicht, sodass der gesamte Körper auf unbestimmte Zeit konserviert werden kann. Das Ziel: Der Tote soll so lange aufbewahrt werden, bis die Technologie endlich nachgereift ist, sodass der Körper wieder aus seinem Dornröschenschlaf geholt werden kann. Das Verfahren ist zwar nicht unbedingt günstig – 200 000 Dollar soll die Grundkonservierung kosten. Dafür aber gibt es in den USA bereits jetzt drei Anbieter, die technisch in der Lage sind, den Übermenschen 4.0 zumindest für eine geraume Zeit auf Eis zu legen.
Wird das ewige Leben also in absehbarer Zeit tatsächlich Realität werden – zumindest für die sicherlich überschaubare Anzahl der neuen Tech-Feudalisten, die sich diesen Geschmack von Ewigkeit überhaupt werden leisten können? Oder lassen wir uns aktuell von den fast im Minutentakt eintreffenden Nachrichten über tatsächliche wie vermutete Möglichkeiten digitaler Technik und Künstlicher Intelligenz zu sehr ins Bockshorn jagen?
Fakt ist: Laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey ist für die meisten Menschen das, was für Transhumanisten das Paradies zu sein scheint, schon heute der absolute Albtraum: 40 Prozent der Befragten glauben demnach nämlich, dass KI in den nächsten zehn Jahren zumindest teilweise negative Auswirkungen auf die Menschen haben wird; und weitere 40 Prozent gehen sogar von einem eher oder sehr negativen Einfluss aus. Was die Befragten dabei am meisten beunruhigt: Überwachungsängste, die Beeinflussung des öffentlichen Diskurses oder gleich die in der Regel nicht näher bezeichnete Bedrohung für die Menschheit als Ganzes. Und Äußerungen wie die Warnung des Ex-Google-Entwicklers und Turing-Preisträgers Geoffrey Hinton, der jüngst sogar die nationale Sicherheit der USA in Gefahr sah, tragen nicht wirklich zur Beruhigung bei.
Nichts mehr als Marketing
Der österreichische Philosoph und Theologe Johannes Hoff indes beschwichtigt. Er hält viele transhumanistische Zukunftsvisionen im Kern für ausgemachten Blödsinn. Allerdings für einen Blödsinn, der seinen geistigen Vätern Unmengen an Geld in die Kassen spült und der von einer cleveren PR am Laufen gehalten wird: „Der Transhumanismus ist auch Teil der Markenpsychologie großer Tech-Unternehmen, mit der bestimmte technische Innovationen verkauft werden sollen“, so Hoff, der Mitunterzeichner eines Manifests ist, das unter dem Titel „Wider den Transhumanismus“ auf fundamentale Denkfehler in der smarten Ewigkeitsideologie aus dem kreativen Tal nahe der San Francisco Bay hinweist.
Mind-Upload, Body Swap – für Hoff sind das in der Regel ausgeklügelte Marketing-Hoaxes, die mit viel Fantasie neue digitale Produkte an den Mann bringen sollen. Produkte – und an der Stelle zeigt sich auch Hoff beunruhigt –, die sich oft konträr zum Stand der psychologischen wie medizinischen Forschung verhielten und die keinerlei wissenschaftlichen Standards entsprächen. „Die Silicon-Valley-Konzerne werfen diese Dinge einfach auf den Markt, ohne sie zuvor getestet zu haben.“ Der Mensch und die Demokratie seien quasi die Laborratten, so der international angesehene Forscher von der Universität Innsbruck.
Laborratten aber, deren Fantasie allmählich Flügel wachsen. Kein Wunder: Der Traum von der Erlösung durch Technik wirkt tief in unserem Unbewussten. Im Kern nämlich ist er so alt wie die Menschheit selbst. Vom zyprischen König Pygmalion etwa wird bereits im 4. Jahrhundert vor Christus berichtet, dass der den natürlichen Menschen – und hier besonders seine weibliche Ausführung – für derart mangelhaft hielt, dass er sich daran versuchte, eine eigene und bessere Version zu kreieren. Als geschulter Bildhauer schnitzte Pygmalion sich diese aus einem großen Vorrat von Elfenbein.
Verstorben an der Verjüngungskur
Es war vielleicht das erste Mal, dass sich die Kreatur zum gottgleichen Kreateur aufschwang, zum „Homo Deus“, wie es über 2000 Jahre später der israelische Historiker Yuval Noah Harari in seinem gleichnamigen Bestseller genannt hat. Für den Berliner Philosophen Jochen Kirchhoff gehört dieser merkwürdige Wunsch nach Befreiung aus den Naturzusammenhängen unmittelbar zur Natur des Menschen dazu: „Wir sind erlösungsbedürftige Wesen, die von der Unzulänglichkeit der physisch-sinnlichen Welt befreit werden wollen“, so Kirchhoff, für den die Kulturgeschichte voll ist von gescheiterten Selbsterlösungsversuchen.
Bald nach Pygmalion etwa ging der nach Gottgleichheit strebende Mensch zu organischeren Materialien über.
So wird von einem frühchristlichen Häretiker mit Namen Simon Magus berichtet, der sich sein Menschen-Upgrade aus diversen Transformationsvorgängen schaffen wollte: Magus verwandelte dafür Luft in Wasser, Wasser in Blut und schließlich Blut in Fleisch. Ein Trick, der nicht funktioniert haben dürfte. Denn dass es nicht ganz so einfach ist, liegt auf der Hand: Und so kam der Schweizer Arzt Paracelsus schließlich auf die Idee, für das gleiche anmaßende Vorhaben menschliche Spermien über 40 Tage hinweg in einem Gefäß mit Pferdemist verfaulen zu lassen. In diesem Prozess würde dann eine durchsichtige Vorversion des Menschen entstehen, die man anschließend noch für 40 Wochen bei konstanter Temperatur mit menschlichem Blut ernähren müsse.
Weit wissenschaftlicher, im heutigen Sinne, wurde die Idee vom künstlichen wie vom ewigen Leben mit der Geburt des Kosmismus, einer Strömung in der russischen Avantgardekunst, in der man von der Ewigkeit auf vergänglichen fremden Planeten träumte. Einer der in diesem Sinne größten Träumer: der Autor und Wissenschaftler Alexander Bogdanow. Der schrieb nicht nur skurrile Fantasy-Bücher – etwa über die Transplantation einer Hundeseele in einen Menschen –, vor allem wollte Bogdanow die Methusalem-Formel im Fremdblut junger Knaben erblickt haben. In dem von Stalin mitfinanzierten Institut für Bluttransfusion ließ sich Bogdanow regelmäßig das Blut junger Menschen einträufeln, in der Hoffnung, dass er dadurch selbst zur verlorenen Jugend zurückfinden könne. Der Effekt schlug indes schnell ins Gegenteil um: Bogdanow war nicht einmal 55 Jahre alt, als er während einer seiner blutigen Verjüngungskuren zu Tode kam. Stalin soll fortan übrigens jegliche Wissenschaft für ausgemachte Betrügerei gehalten haben.
Einstein kann nicht der Maßstab sein
Mehr Fantasie als Empirie, mehr Alchemie denn Wissenschaft: Solche Vorwürfe müssen sich auch heute viele moderne Transhumanisten anhören, die bei ihren Kunstgriffen für den neuen Menschen zwar nicht mehr auf Blut oder Innereien, dafür aber auf Halbleiter und Nanobots zurückgreifen. Aubrey de Grey etwa, ein populärer, aber durchaus nicht unumstrittener britischer Bioinformatiker, der vor allem durch seine These bekannt geworden ist, nach der der erste Mensch, der tausend Jahre alt werde, bereits geboren sei, musste sich immer wieder den Vorwurf von Fantasterei und Esoterik anhören. Und dennoch stehen auch seine technikbasierten Anti-Aging-Strategien bei Posthumanisten ebenso hoch im Kurs wie die von Kurzweil oder Musk. Es scheint, als hätte der digitale Extremismus mit seinen schier unvorstellbaren Beschleunigungen auf den Gebieten synthetischer Körpererweiterung und Künstlicher Intelligenzerzeugung allmählich die Schallmauer zwischen Fakt und Fiktion durchbrochen.
So verwundert es am Ende nicht, dass auch der Münchner Psychologe Johannes Hepp noch viele Fragen an all die schönen Biohacks, Body-Upgrades und Augmented Realities hat. Zwar mahnt Hepp grundsätzlich zu mehr Neugier und zu spielerischer Gelassenheit gegenüber der digitalen Technologie; andererseits aber wird ihm gerade auch als praktizierender Psychotherapeut mehr und mehr bewusst, welch Angriffe die neuen Techniken auf das Selbstbild des ohnehin erschöpften Menschen darstellen. Die Tatsache, dass das Handy heute bereits mehr kann als sein jeweiliger Besitzer, erzeuge laut Hepp eine immense Scham und ein gesteigertes Anspruchsdenken. „Besonders der Boomer-Generation steht in riesigen Lettern eine drängende Frage auf die Stirn geschrieben: Wer bin ich noch, wenn mittlerweile selbst meine intellektuelle Arbeit von einer Maschine ersetzt werden kann?“
Hier gelte es dringend Antworten zu finden, mahnt Psychologe Hepp, der jüngst auch ein Buch über all die kleinen und großen Neurosen verfasst hat, die den Menschen mittlerweile im Angesicht seiner Technik befallen. „Wir brauchen Antworten, die auch den ins Extrem gesteigerten Perfektionismus hinter sich lassen“, glaubt Hepp. Es könne schließlich nicht sein, dass ich erst Einstein werden muss, um als denkendes Wesen überhaupt noch konkurrenzfähig zu sein.
Menschen sind mehr als ein Datensatz
Philosoph Jochen Kirchhoff würde dem zustimmen. Für ihn ist der Transhumanismus im Wesentlichen ein Angriff auf die „Innenseite des Menschen“: Denn in dieser wissenschaftsgläubigen und vollkommen reduktionistischen Ideologie zähle nur noch die äußere, die formale Seite der Phänomene. All das, was messbar ist und was durch die Brille der Naturwissenschaften betrachtet werden könne. „Das, was darüber hinausgeht – Farben, Klänge, Empfindungen, Emotionen –, wird als subjektiv und somit als irrelevant abgestempelt“, so Kirchhoff, dem als Lösung für den in jeglicher Hinsicht vermessenen Menschen nur noch die Rückbesinnung auf das Lebendige einfällt.
Auch Psychologe Hepp meint eine einfache und doch zugleich unendlich schwierige Lösung für die Herausforderungen durch den Transhumanismus gefunden zu haben: „Wir können etwas, was der Chatbot nicht kann und was auch durch die Verschmelzung mit der Technik nicht unbedingt besser werden wird: Beziehung.“ Das Einzige, was daher überleben werde, sei die körperliche Beziehung zwischen zwei Menschen, so Hepp. Es mache für ihn daher einfach keinen Sinn, mit einer selbstlernenden KI weiter in den Wettstreit treten zu wollen: In einer solchen Konkurrenz würden wir ganz sicher scheitern. „Wenn wir aber überleben wollen, dann als Menschen. Als Wesen mit einzigartigen Kräften. Mit Träumen, Gefühlen, Schmerzen, mit Geschichte, Tagesform und seelischen Narben.“ Das ist es, was bleiben wird, sagt Hepp nach ausführlicher Nutzen-Risiko-Abwägung. „Wenn wir versuchen wollen, in einem Spiel zu punkten, in dem uns die Roboter und Künstliche Intelligenz schon jetzt überlegen sind, winkt am Ende nicht mal ein Trostpreis.“
Philosoph Johannes Hoff blickt ebenfalls auf das, was den Menschen wirklich zum Menschen macht: Ebenso wenig, wie die Wirklichkeit nämlich nur die Gesamtheit aller Informationen und Intelligenz nur Informationsverarbeitung ist, so ist auch der Mensch für Hoff nicht nur ein erweiterter Datensatz. Die menschliche Natur, so der namhafte Transhumanismus-Kritiker, zeichne sich durch Verletzbarkeit, Gestimmtheit und Selbstbewusstsein aus. Wir sind in der Lage, ein Gefühl für die eigene Sterblichkeit zu entwickeln und aus dieser tiefsten Wunde sogar noch Sinnhaftigkeit zu erzeugen.
Die Trauer macht menschlich
Für Ray Kurzweil aber, den großen Computerpionier aus Queens, New York, scheint genau das das Problem zu sein: dieses Gefühl für die eigene Sterblichkeit; dieser Schmerz, der ihn erstmals vielleicht im Jahr 1970 überkam. Damals, als er gerade einmal 22 Jahre alt war und sein Vater Frederic an einem Herzinfarkt starb. „Das lag wie eine dunkle Wolke über meiner eigenen Zukunft“, erinnert sich Kurzweil, der bis heute alles von seinem Vater aufbewahrt hat. Jeden Schnipsel, dessen er habhaft werden konnte: die Liebesbriefe, die Partituren, die Filme und die Fotos. Hunderte Kisten, die in seiner Garage lagern. Das alles will er irgendwann digitalisieren. Zudem will er Original-DNA des Vaters mit hinzugeben, um dann mithilfe von Künstlicher Intelligenz einen Avatar zu kreieren. „Diese Person wird meinem Vater sehr ähnlich sein. Vielleicht wird sie ihm sogar ähnlicher sein, als er es sich selbst war.“
Die Überschreitung des Menschen: Für Kurzweil und viele seiner transhumanistischen Anhänger scheint sie einzig noch ein technisches Problem zu sein. Dabei gäbe es längst einen anderen, einen weit bewährteren Weg, um als Mensch über sich selbst hinauszuwachsen: die Anerkennung von Begrenzung und der Beginn der eigenen Trauer. Im Angesicht der wachsenden technischen Möglichkeiten ist dies vielleicht der einzige Weg, um auch in Zukunft noch Mensch bleiben zu können.
Homo Digitalis – Obdachlos im Cyberspace
Homo Digitalis – Obdachlos im Cyberspace ist ein Essay über den tiefgreifenden Wandel unserer Wahrnehmung im digitalen Zeitalter: Wie die Digitalisierung unsere Erinnerung, unser Denken und unser Gefühl für die Offline-Welt verändert – und warum das Wissen der „digital immigrants“ wichtiger denn je werden könnte.
Aus dem Prolog zu diesem Essay
Prolog: Es gibt Entwicklungen, die einen grundlegenden Wandel unserer Lebenswelt einleiten – als werde eine Schwelle überschritten, ein point of no retum erreicht. Die Digitalisierung mit all ihren Umbrüchen auf den Gebieten Kommunikation, Denken, Wahrnehmung, Handeln und Erinnern stellt eine solche Entwicklung dar. So wie die Menschen mit der beginnenden Schriftkultur vermutlich bald schon nicht mehr gewusst haben werden, wie es war, im magischen Bewusstsein der Bilder zu leben, so kommt uns in unserer gegenwärtigen Online-Kultur mehr und mehr das Gefühl für die Offline-Welt abhanden.
Gerade einmal dreißig Jahre ist es jetzt her, dass mit den sogenannten digital natives eine Generation die Bühne der Welt betrat, die erstmals keinerlei eigene Erinnerung mehr an ein nahezu vollkommen analoges Leben hatte. »You are terrified of your own children, since they are natives in a world where you will always be immigrants«, hieß es 1996 in der vom US-amerikanischen Menschenrechtler John Perry Barlow verfassten »Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace«. Fortan also zerfielen die Menschen in zwei Gruppen: die Eingeborenen und die Fremden; die mit der Zukunft vor Augen
und die mit der sicherlich oft auch lähmenden Geschichte im Gepäck.
Und wer möchte schon im Sinne Barlows ein Immigrant sein – zumal in einer zunehmend virtuellen Welt, die sich selbst mehr und mehr zu verflüchtigen scheint. Man stelle sich nur einmal vor, irgendwann um das dritte Jahrtausend vor Christus als Nicht-Alphabetisierter in Mesopotamien gelebt zu haben: Während um einen herum immer mehr Menschen die Welt in Zeilen und Linien – und somit in ein chronologisches Nacheinander – zu ordnen begannen, steckte man selbst fest in einer durch Bilder generierten Gleichzeitigkeit.(1) Und während für andere allmählich das historische Bewusstsein begann, blieb man selbst dem magischen Denken verhaftet. Hat man den Schritt in gänzlich neue Wahrnehmungsmuster einmal vollzogen, schwinden die einst das Dasein prägenden Erfahrungswerte. In den frühen Hochkulturen brauchte es dafür zuweilen Jahrtausende, heute vollzieht sich ein solcher Prozess in nicht einmal einer Generation.
Jeder Medienwechsel ist so gesehen vor allem ein Bewusstseinswechsel. Und es wäre wohl vermessen, wollte man dem Fortschritt ins Getriebe greifen. Doch hüten gerade auch die digital immigrants einen nicht unerheblichen Wissensschatz: Alles könnte eben auch ganz anders sein. Von dieser Erkenntnis handelt der folgende Essay. Er versteht sich nicht als nostalgische Rückrufaktion für die analoge Welt vor 1990; und er will schon gar nicht die vielen positiven Veränderungen leugnen, die die zunehmende Nutzung und Vernetzung von Computern in den letzten Jahrzehnten mit sich gebracht haben. Dieses Buch will vielmehr Wissen und Erfahrungen konservieren; Erfahrungen, die noch einmal von Bedeutung sein könnten für die Conditio Humana.
Rezensionen: Im SWR2 lesenswert: Ralf Hanselle – Homo digitalis. Obdachlos im Cyberspace
und Radiogeschichten vom Ö1.