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Magier der Moderne

Vor 150 Jahren wurde C.G. Jung geboren. Sein Werk ist ein Appell zur Rettung der Tiefenschichten im Menschen. Jungs Warnung vor einer Welt der kalten Rationalität ist daher aktueller denn je.

Der Tod ist nur ein Sprung über eine unsichtbare Grenze hinweg. Für C.G. Jung, dem neben Sigmund Freud und Alfred Adler gewiss wichtigsten Psychoanalytiker des 20. Jahrhunderts, war das ganz selbstverständlich: Sterben war für ihn nur der Übergang in einen anderen Bewusstseinszustand. „Ich habe gute Gründe anzunehmen, dass die Dinge mit dem Tod nicht zu Ende sind. Es scheint, als sei das Leben ein Zwischenspiel in einer langen Geschichte“, bekannte der Schweizer Psychiater und Sohn eines reformierten Theologen am 19. November 1955, gut sechs Jahre vor seinem tatsächlichen Tod, in einem Brief an eine unbekannte Adressatin: „Diese Geschichte bestand schon, bevor ich war, und wird höchstwahrscheinlich weitergehen, wenn das bewusste Intervall in einer dreidimensionalen Existenz zu Ende ist.“

Ob es für C.G. Jung tatsächlich weiterging, nachdem er am 9. Juni 1961 im Alter von 86 Jahren in Küsnacht am östlichen Ufer des Zürichsees verstarb, das weiß, wenn überhaupt, nur er allein. Für die Nachwelt ist der am 26. Juli 1875 geborene Carl Gustav Jung ohnehin längst unsterblich geworden. Nicht nur hat er mit seiner Analytischen Psychologie eine der großen Strömungen der Tiefenpsychologie geformt, er hat auch, wie sonst wohl kein zweiter Denker seiner Zunft, die Psychologie mit kulturellen Unterströmungen seiner Zeit sowie mit anderen Wissenschaften ins Gespräch gebracht. „Jung war es, der eine Verbindung zwischen Religion, Psychologie und Astrologie herstellte, deren Einfluss bis heute spürbar ist“, schrieb vor einigen Jahren der deutsch-niederländische Religionswissenschaftler Kocku von Stuckrad über den einstigen Präsidenten der Internationalen Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie.

Vordenker der Bilder

Ganz besonders fruchtbar aber war Jungs Brückenschlag zur Kunst und zu den modernen Bildwissenschaften. Wie sonst vielleicht nur Aby Warburg mit seinem unvollendeten „Mnemosyne-Projekt“ war Jung in seiner unermüdlichen Symbolforschung und Archetypenlehre bemüht, hinter das archaische Geheimnis menschlicher Bildvorstellungen und Mythen zu schauen. )In dieser Hinsicht glaubte er an eine Re-Romantisierung der Welt. Es waren die kollektiven Bilder, die unbewussten Inhalte unserer Psyche, die ihn als medizinischen Psychologen vor allem interessierten. Allein die Liste seiner Patienten zeugt daher noch immer von einem lebenslang anhaltenden Interesse für die symbolische Verschlüsselung unserer Wirklichkeit: Denn nicht nur interessierten sich prominente Schriftsteller wie Hermann Hesse oder H.G. Wells für die Salutogenese in Jungs nobler Privatpraxis nahe Zürich, auch pilgerten immer wieder Künstler und Kreative in seine Ordination, wo sie von einer lateinischen Inschrift begrüßt wurden, die der von Spiritismus, Alchimie und religiösen Geschichten tief bewegte Analytiker gleich über dem Hauptportal hatte anbringen lassen: „Vocatus atque non vocatus deus aderit“ – Gerufen oder nicht gerufen wird Gott da sein. Auch jenseits der existenziellen Grenze wirkte diese Hoffnung, die er einem Orakelspruch aus dem Apollontempel in Delphi entnommen hatte, bei ihm nach: Denn die in dem Satz mitschwingende metaphysische Tröstung gefiel ihm derart gut, dass er sich später auch noch auf seinem Grabstein ihrer erinnern wollte.
Sinnliches und Übersinnliches, Psychologie und Parapsychologie: Bei wohl sonst keinem Forscher am Unbewussten des Menschen gingen diese eigentlich getrennten Sphären derart gut zusammen wie bei Carl Gustav Jung. In dieser Hinsicht stand der Schweizer Analytiker zeitlebens quer zu seinem langjährigen Mentor und Freund Sigmund Freud, dem Super-Ego der psychoanalytischen Bewegung. An der Frage nach dem Eingehängt-Sein des Menschen in ein größeres Ganzes nämlich rieben sich die beiden Denker zeitlebens auf, und an dieser Frage überwarfen sie sich am Ende auch. Der eine sphärisch, der andere fleischlich-libidinös. Dieser religiös, jener bis ins zuweilen Unerbittliche spirituell unmusikalisch.

Magier der Moderne

Während Freud also sein Interesse an Jung verlor – 1913 kündigte er ihm sogar ganz offiziell die Freundschaft –, entdeckten besonders die europäischen Avantgarden ihre Liebe zu den kunstaffinen Theoremen des Schweizer Professors. Gerade dessen Interesse an der tief verankerten Schöpferkraft im Menschen, an einem Unbewussten, das im Gegensatz zur freudschen Theorie immer auch kollektiv zu denken war, aber auch Jungs Begeisterung für Alchimie und Magie sowie seine okkulten Tiefenbohrungen auf der Suche nach dem Ursprung unserer Symbole machten ihn für Surrealisten wie Symbolisten interessant. Und diese eigenwillige Faszination war beidseitig. Während sich Künstler wie Max Ernst oder Hans Arp von der Psychologie der Jungianer immer mehr beeindrucken ließen, veröffentlichte Jung in späteren Jahren Aufsätze über Picasso, Joyce und andere Magier der Moderne. Denn hier wie dort hatte man verstanden, dass Symbole nicht einfach nur hübsche Bildwerke waren. Sie waren, wie Jung in seinem Standardwerk „Der Mensch und seine Symbole“ schrieb, „Ausdrucksformen von etwas viel tieferem: Der menschlichen Seele“.
Doch allmählich schien dieses „viel tiefere“ aus der Welt zu verschwinden. Denn sämtliche Bilder schienen in Auflösung zu sein. Kaum ein Denker des 20. Jahrhunderts hat diese Tatsache so pointiert beschrieben wie C.G Jung. Und kaum jemand hat auch derart prophetisch auf die Risiken und Gefahren hingewiesen, die eine möglicherweise bald schon bilderlose Welt bereithalten könnte. Das Symbol, so schrieb Jung bereits 1921 in „Psychologische Typen“, sei nur lebendig, solange es bedeutungsschwanger sei. Und in diesem Zustand eben scheint es mittlerweile immer weniger zu sein. Für Jung war dies der Preis einer durchrationalisierten Moderne, in der Symbole und archetypische Bilder immer mehr aus der menschlichen Seele emigrierten.
Und so zog er in einem kurz vor seinem Tod im Jahr 1961 erschienenem Aufsatz namens „Die Rolle der Symbole“ ein Fazit, das heute vielleicht noch erschreckender klingen mag als damals: „Unsere Zeit hat deutlich gemacht, was es heißt, wenn die Pforten der Unterwelt geöffnet werden“, heißt es da. Und geöffnet werden diese immer dort, wo man der Welt ihre psychische und symbolische Bedeutung wegnimmt: „Wir haben alle Dinge ihres Geheimnisses und ihrer Numinosität beraubt, uns ist nichts mehr heilig“, so Jungs große Trauer über eine Welt ohne Unterwelt. Und etwas weiter schreibt er: „In dem Maße, wie unser wissenschaftliches Verständnis zugenommen hat, ist unsere Welt entmenschlicht worden.“
Für Jung misst sich diese Entmenschlichung an der Preisgabe der Tiefenschichten unserer Existenz, an der Opferung unserer Bilder, Mythen und Sehnsüchte und am endgültigen Sieg eines nackten Verstandes. Er schrieb diese Zeilen in der Mitte eines Jahrhunderts, welches möglicherweise nur die Ouvertüre zu jener Ära bildete, die sich heute vollends an Szientismus und an kalte, weil technisch fingierte Rationalität verkauft hat. Ein Computer jedenfalls träumt nicht. Und das Metaversum wirft keine Schatten. Ein Leben aber ohne derlei Tiefenschichten der Existenz, so lautet die immer noch nachhallende Warnung aus dem Werk eines der wichtigsten Väter der analytischen Psychologie, ist ein Leben auf der brüchigen Kante eines Abgrunds.