Denn der Deutsche hat Angst. Angst vor steigenden Lebenshaltungskosten, Angst vor der schlechten Wirtschaftslage, vor allem aber Angst vor der Angst. Das Meinungsforschungsinstitut Yougov offenbarte im Mai 2025, wie tief man hierzulande in den Abgrund zu starren geneigt ist: 59 Prozent etwa, so die Umfrage, haben Angst vor dem Ausbruch eines Dritten Weltkriegs. 43 Prozent fürchten die Wiedereinführung einer Diktatur. 64 Prozent das Ende der Demokratie.
Und wie in jeder sich selbst erfüllenden Prophezeiung kommt vielleicht bald auch wirklich der allerletzte Zipfel vom Ende. Die deutsche Neurowissenschaftlerin Maren Urner jedenfalls kennt schon jetzt den Tag, an dem man nach diesem wird greifen können. Das offenbarte sie vor geraumer Zeit bereits in der Talkshow von Markus Lanz. In exakt sechs Jahren, einem Monat und acht Tagen wird es wohl so weit sein. Und da Urners Vorhersage, die sie selbstverständlich präzise mit wissenschaftlichen Studien untermauern konnte, heute bereits einige Monate zurückliegt – sie hatte sie schon 2023 vorgetragen –, wird das Ende von jetzt an gerechnet noch schneller da sein. Der Grund liegt auf der Hand: die Klimakrise. Denn an jenem Tag X in der näheren Zukunft sei, so Urner, jenes CO2-Budget aufgebraucht, welches das Erreichen der UN-Klimaziele heute noch möglich machen könnte.
Noch nie schien Gefühlswallung derart kühl auf mathematischer Logik zu fußen. Dabei hätte man natürlich auch von alleine drauf kommen können: Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen), 2021 noch Spitzenkandidatin ihrer Partei bei der damaligen Bundestagswahl, hatte bereits vor vier Jahren vorhergesagt, dass die nächste Regierung (gemeint war die kurz darauf ins Amt kommende Ampelregierung) die letzte sein werde, „die noch aktiv Einfluss auf die Klimakrise nehmen“ könne. Mithin: Die Regierung unter Friedrich Merz muss es gar nicht mehr versuchen. Ende Gelände. Auch das so eine erschreckend schöne deutsche Redensart.
Da zuckt der Rest der Welt vielleicht nur gelangweilt mit den Schultern, doch auf unserer Seite des Ärmelkanals reicht ein Schmetterlingsschlag, um Code Red auszulösen. Ein schneller Blick in deutsche Zeitungen bringt es denn auch an den Tag: „Immer mehr Prepper bereiten sich auf den Untergang vor“, titelte jüngst eine in Berlin erscheinende Wochenzeitung und beschrieb unter der reißerischen Überschrift, wie ein drohender Zusammenbruch der Zivilisation die apokalyptische Reiterei zum deutschen Volkssport erheben könnte.
„Die Deutschen“, meint denn auch der dänische Journalist Anders Ellebæk Madsen, „betrachten die Dinge immer wieder mit einer eigentümlichen Überspanntheit.“ Man könne das bei fast allen Themen beobachten. Egal ob Klima, Rechtspopulismus, Migration, Ukraine: Oft verliefen deutsche Debatten wie im Fieber. „Immun oder Tod!“, lautete schließlich schon ein beliebter Schlachtruf während der zurückliegenden Corona-Krise.
Warum diese Überspanntheit aber immer wieder an deutsche Türen anklopft, darüber kann der studierte Germanist, der als Ressortleiter für die Kopenhagener Zeitung Kristeligt Dagblad arbeitet, nur spekulieren: „Es ist, als säße in Deutschland immer gleich der Teufel mit am Tisch“, sagt Madsen. Und mit dem sei nicht gut Kirschen essen. Weshalb er umgehend verbannt werden müsse. Man könne, sagt Madsen, diesen moralinsauren Reinheitszwang vielleicht schon in der deutschen Geschichte ausmachen: In kaum einem Land Europas etwa seien die Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit derart ausschweifend gewesen wie in Deutschland. Keine Nation, die auf Ketzer und Kritiker noch heute derart allergisch reagiere wie die „Tyskerne“, wie die südlichen Nachbarn von jenseits der dänisch-deutschen Grenze heißen.
„Angst vor dem Pakt mit dem Bösen“
Sigmund Freud, der Urvater der Hysterie, würde Madsen vielleicht recht geben. In seinem 1908 erschienenen Aufsatz „Charakter und Analerotik“ beschreibt der Professor aus der Wiener Berggasse, wie eine übermäßige Sauberkeitserziehung im späteren Leben zu Trotz, Wut und Eigensinn führen könne.
Sein Schüler Erich Fromm übertrug diese Gedanken bald aufs Kulturelle. Seiner Meinung nach habe der deutsche Kleinbürger einen dezidiert „analen Charakter“. Das fast schon sprichwörtlich gewordene Klopapierhamstern der Deutschen während der Corona-Krise gibt der These zumindest eine humorige Evidenz.
Es ist natürlich nur eine Vermutung, doch auch für Anders Ellebæk Madsen scheint der Deutsche Probleme mit Schmutz und Übertretung zu haben. Aus der daraus resultierenden Angst vor dem Pakt mit dem Bösen scheint sich ein bis heute durchziehender Politikstil zu ergeben: „Man hat in Deutschland eigentlich ein tiefes Bedürfnis nach Konsens und Konformität“, glaubt der 54-jährige Madsen. „Schnell ensteht in der Debatte Einigkeit darüber, was eine sozial akzeptable Haltung ist.“
In Dänemark jedenfalls empfinde man es oft als unversöhnlich, wie die Deutschen ihre Probleme zu meistern versuchen: „Man muss doch mit jenen sprechen, mit denen man uneinig ist. Den mit der gleichen Meinung hat man ohnehin überzeugt.“ Der Deutsche aber werde bei gegenteiligen Ansichten oft erst so richtig prinzipienfest, zuweilen geradezu religiös. Schnell ist man dann beim Vokabular der Sünde: Kontaktschuld heißt bei uns der Frevel der Leichtfüßigen, die noch immer an so etwas wie ergebnisoffene Debatten glauben. Politik aber lebt eigentlich von Austausch. In Dänemark hat man für diese Erkenntnis ein schönes Wort: „Samtaledemokrati“. In Deutschland hat man auch ein Wort: „Brandmauer“. „Das klingt, als würde man fürchten, in einer riesigen Feuersbrunst unterzugehen.“
Die Sucht nach Extremen
Dabei ist Anders Ellebæk Madsen gewiss nicht der Erste, der von jenseits einer deutschen Grenze mit ziemlichem Unverständnis auf die emotionale Überspanntheit drüben beim größeren Nachbarn blickt. Der ungarische Sozialpsychologe und Politiker István Bibó etwa, während des Ungarn-Aufstands von 1956 zeitweilig Staatsminister von Imre Nagy, hatte bereits Anfang der 1940er Jahre ein Buch geschrieben, in dem er die eigentümliche „Deformierung der deutschen Gesinnung“ zu analysieren versucht hat. Und egal, wie man zu Bibós Gedanken heute im Einzelnen stehen mag, der Titel des Werkes überzeugt noch immer: „Die deutsche Hysterie. Ursachen und Geschichte“.
Bibós Grundthese ist schnell erzählt: Der deutsche Sonderweg nach der Französischen Revolution habe diesseits des Rheins eine Art kollektiver Hysterie befördert; eine „deutsche Raserei“, wie der Autor es nennt. In ihrer Folge sei es zu Unterlegenheitsgefühlen, aber auch zu übersteigertem Selbstbewusstsein gekommen. Ein zerrissenes Volk eben, wie schon Hölderlin meinte. Und während Deutschland derart zwischen den Extremen baumelte, sei es laut Bibó immer häufiger zu einer fehlerhaften Wahrnehmung der Realität gekommen.
Auf dem Feld der Kultur mag diese Verzerrung vielleicht zuweilen sogar produktiv gewesen sein, auf dem Gebiet des Politischen aber kann die Sucht nach den Extremen verheerend sein. Wer immer nur in den Randlagen turnt, verliert am Ende das Gefühl für Mittelwerte und Nuancen. Wolfgang Kubicki (FDP), der 35 Jahre lang als Abgeordneter in verschiedenen Parlamenten gesessen hat, kann das bestätigen: Jeder Schnupfen sei mittlerweile gleich Grippe, jede Verstimmung Depression. Während der Corona-Krise, so ist der stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP überzeugt, habe sich die Hysterisierungsspirale nur noch schneller und höher gedreht. Wer anderer Meinung war, wurde ans Kreuz genagelt. Spätestens hier also hätten wir uns von einer rationalen hin zu einer emotionalen Debattenkultur entwickelt. Weg von Argumenten, hin zu emotionalisierten Haltungsfragen.
Hypersensibel und überdehnt
„Man ist jetzt unglaublich schnell auf Betriebstemperatur“, sagt Kubicki, der in der Vergangenheit stets vor hysterischer Überdehnung gewarnt hatte – sei es, wie zuletzt, in der Debatte um einen besseren Schutz des Bundesverfassungsgerichts vor „demokratiefeindlichen Kräften“ oder in Bezug auf die seiner Meinung nach einseitige politische Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: Während die Wogen oft bereits hochschlugen, blieb der Norddeutsche kühl und geerdet.
Irgendwas, so ist sich Kubicki sicher, hat sich verändert. In der Bevölkerung, aber auch unter Politikern. Man könne das etwa an den Ordnungsrufen sehen, die während der zurückliegenden Wahlperiode vom Präsidium des Deutschen Bundestags getätigt wurden. Damals war Kubicki noch Vizepräsident des Hohen Hauses. Allein im Jahr 2023, so sagt es die Statistik der Bundestagsverwaltung, sei es zu mehr Ordnungsrufen gekommen als in der gesamten Wahlperiode zuvor. Von „Reizstimmung unter der Reichstagskuppel“ sprach in diesem Zusammenhang einmal die Süddeutsche Zeitung. Wolfgang Kubicki sieht das weit differenzierter: „Ich habe mir damals nach den Sitzungen oft die Zeit genommen, um mir Sitzungsprotokolle aus den 1960er und 1970er Jahren durchzulesen. Wenn man auf diese historischen Debatten mit den Maßstäben der Gegenwart reagieren müsste, dann hätte man bei jedem zweiten Satz einen Ordnungsruf erteilen müssen.“
Vielleicht sind wir also nicht wirklich ruppiger, sondern allenfalls hypersensibel geworden? Wolfgang Kubicki kann das bestätigen: „Wenn man heute schon die Tatsache rügen soll, dass jemand aus der AfD-Fraktion unflätig in einem Sessel sitzt, während ein Abgeordneter der Grünen redet, dann sind die Maßstäbe vollkommen ins Rutschen geraten.“
Soziale Medien spielen eine enorme Rolle
Sollten wir also alle besser mal wieder runter von den Bäumen kommen? Gute Idee. Man würde ja gewiss auch gerne. Doch wie soll das gehen, wenn zeitgleich die parlamentarische Nebenfrau Tiktok-tauglich auf die Barrikaden ruft? Muss man da nicht reagieren, solange der Reiz noch warm und der eigene Smartphone-Akku betriebsbereit ist?
Helge Lindh, seit 17 Jahren Abgeordneter für die SPD und nahezu im gesamten Parlament als brillanter Rhetoriker geschätzt, weiß nur zu gut, dass die Digitalisierung das politische Klima verändert hat. Was ist heute schon gute Rhetorik in Anbetracht eines wackelnden Reels auf Social Media? Und was zählt ein Argument, wenn es nicht emoji-tauglich „verhashtagt“ werden kann? „Das ist zuweilen durchaus niederschmetternd“, gesteht Lindh, der als studierter Philologe zu den wenigen Geisteswissenschaftlern im Bundestag zählt.
Die Hyperemotionalisierung von Politik und die algorithmische Logik hätten dazu geführt, dass die Kraft des Arguments heute meist hinter der Emotion zurücktreten müsse. Das sei „mitlaufende Grundfrustration“ sagt Lindh, der dennoch vor Kulturpessimismus warnt. In der Politik sei es vermutlich noch nie ausschließlich um inhaltliche oder fachliche Stärke gegangen. Der herrschaftsfreie Diskurs sei eine hübsche Idee, aber auch Illusion.
In der Heimat von Gadamer, Luhmann und Habermas, in der – so will es ein schönes Klischee – einst einzig der „eigentümlich zwanglose Zwang des besseren Arguments“ die Debatte führte, ist es mit der diskursiven Nüchternheit zumindest fürs Erste vorbei.
Dabei, so Lindh, habe die uns eigentlich immer gutgetan. Doch was hilft Melancholie. Jetzt herrschen halt aufgescheuchte Hähne und Hühner. Abgeordnete, die, wie die Linken-Politikerin Cansin Köktürk, „Palestine“-Shirts zur Debatte tragen; Parteivorsitzende, die, wie Jan van Aken (Die Linke), ihre Konkurrenz von der anderen Saalseite als „Machos“ oder „Eierkrauler“ schmähen; Nachwuchshoffnungen, die, wie Jette Nietzard (Bündnis 90/Die Grünen), ihre Gesinnung auf Pullunder drucken. Und dazwischen immer wieder klagefreudige Politikprofis, die wegen echter oder auch nur gefühlter Beleidigungen bis vors Gericht ziehen. In der Ökonomie der Aufmerksamkeit zahlt das auf die „Likeability“ ein – weit mehr zumindest als eine argumentativ sauber gearbeitete Parlamentsrede. Vorbei also sind die Tage, in denen die alte Bundesrepublik „reine Gesellschaft“ war, wie es der Historiker Dan Diner jüngst so nostalgisch-verschwärmt in der FAZ zu Protokoll gegeben hat.
Glatt statt kantig
Jetzt ist Deutschland reines Gefühl. Keine Erregung, die nicht nervös über Instagram „ausperformt“ werden kann, kein emotionales Kribbeln, das sich nicht noch via X und Bluesky bewirtschaften ließe. „Fühl ich!“, lautet denn auch der Solidaritätszuschlag, der heute zu jeder Diskussion hinzugereicht wird. Und so sehr die Kritik an der Klick-Geilheit des politischen Endverbrauchers auch zum kalten Klischee geronnen ist, so sehr trifft sie doch den Kern der Sache.
Der Heidelberger Psychiater und Psychoanalytiker Günter H. Seidler, der seit langer Zeit schon zu Hysterie und ihren Ursachen forscht, sieht genau in solchen Phänomenen ein Indiz dafür, dass wir als Gesellschaft vielleicht wirklich immer hysterischer werden. Der Hysteriker, sagt Seidler, hat keinen körperbasierten Zugang zu seiner eigenen Emotionalität. Gefühle würden daher immer eher gespielt, als dass sie wirklich erlebt würden. „Das passt zu einer Gesellschaft, die Inhalte immer öfter durch Performance ersetzt und die ihren Körper gegen Virtualität eintauscht.“
Doch anderes komme noch hinzu. Seidler nennt es die „Abwehr von Aggressionen, Sexualität oder Schulderleben“. Seiner Beobachtung nach haben derlei Phänomene in den vergangenen Jahren auch auf gesellschaftlicher Ebene stark zugenommen: Auf der einen Seite erlebten wir die neoliberale Ellenbogengesellschaft, auf der anderen Seite wollen wir auf Teufel komm raus „lieb zueinander“ sein. Und ähnlich zerrissen sei das auf dem Gebiet der Sexualität. Glattrasiert statt wirklich schmutzig. Selbst in der Psychoanalyse, klagt der erfahrene Analytiker, der über viele Jahre hinweg die Abteilung für Psychotraumatologie an der Universitätsklinik Heidelberg geleitet hat, spiele Sexualität heute kaum noch eine Rolle.
So soll möglichst alles Wilde verschwinden. Alles mit Ecken oder Kanten muss weg. Und was wäre schon kantiger als inhaltsbasierter politischer Streit, fragt Seidler, der zugleich aber einräumt, dass es nicht unproblematisch ist, wenn man Begriffe aus einem klinischen und individuellen Kontext auf gesellschaftliche Prozesse überträgt. Und doch, etwas sei wirklich auffällig: Je mehr der Begriff der Hysterie in den letzten Jahren aus der psychologischen Diagnostik verschwunden sei – obwohl Hysterie bei Männern wie Frauen auftreten kann, hatte sie stets einen misogynen Beiklang –, desto mehr tauche er im gesellschaftlichen Rahmen wieder auf. „Der Vordergrund verschwimmt mit dem Hintergrund“, zeigt sich Seidler überzeugt. Totzukriegen jedenfalls ist die Hysterie nicht. Im Gegenteil: Vermutlich lässt sie sich nicht einmal gänzlich therapieren.
Angst hat eine Schutzfunktion
Da ist es denn auch kein Wunder, dass wir aus all den überstandenen Katastrophen der Vergangenheit irgendwie nicht schlau werden wollen. Wir haben den Millennium-Bug und das Waldsterben überlebt, das Ozonloch, den Kalten Krieg und die Corona-Pandemie. Doch lieber bereiten wir uns nun auf den kommenden Hitzetod vor, als dass unser Sympathikus mal zur Ruhe käme. Doch wenn schon der Punk „No Future“ hatte, warum dann bis jüngst noch eine „Letzte Generation“?
Die übrigens, die Endzeitjünger, die hat es nämlich nach Meinung von Thomas Brussig schon immer gegeben. Zu allen Zeiten, sagt der Autor von Bestsellern wie „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ und „Wie es leuchtet“, habe es auch Menschen gegeben, die der festen Überzeugung anhingen, dass die nächste Herausforderung nun aber wirklich nicht mehr zu schaffen sei. Und weil sich auch Brussig als eher „ängstlichen Typen“ bezeichnet, hat er aus der Not eine Philosophie gezimmert. Brussig ist nämlich Urheber einer Art Kategorischen Imperativs für die trügerischen Tage der Vorendzeit. Sicher ist schließlich sicher! „Jede Bedrohung sollten wir so behandeln, als wenn sie uns tatsächlich umbringen könnte“, meint Brussig. Dann, so ist er überzeugt, werde schon alles gut gehen.
Der heute 60-Jährige, der im vergangenen Jahr mit „Meine Apokalypsen“ ein Debattenbuch für den hiesigen Untergangs-Blues vorgelegt hat, weiß zu gut, dass mit tief sitzenden Ängsten nicht zu spaßen ist: HIV, BSE, SARS … Irgendwann, scherzt Brussig, käme schon die Abkürzung, die auch dich das Fürchten lehre. Ob das spezifisch deutsch sei? Zumindest sei es nicht ehrenrührig. Die „German Angst“ hat schließlich schon andere befallen. Der Schriftsteller Thomas Wolfe zum Beispiel, ein Amerikaner mit deutschen Wurzeln, schrieb bereits in den 1930er Jahren von einer „seelischen Fäulnis“ und von der „Seuche einer ständigen Furcht“, unter der die Deutschen litten.
Man dürfe sich von einer solchen Angst nur nicht umbringen lassen, meint Thomas Brussig. Statt mit der großen Dispens hält es der Schriftsteller daher lieber mit der Dialektik. Beispiel Atomangst: „Vielleicht waren die deutschen Atomkraftwerke ja auch nur deshalb so sicher, weil die zuweilen gewiss bis zur Hysterie gesteigerte deutsche Angst vor dem GAU sie so sicher hat werden lassen.“
Deutschland macht sich zum Problemfall
Ob Thomas Brussig mit seiner Vermutung recht hat? Man wird es so schnell wohl nicht erfahren. Am Ende nämlich ist die deutsche Atomangst derart gewaltig geworden, dass gleich mehrere Regierungen den Stecker ziehen mussten. Zunächst beschloss die rot-grüne Koalition unter Gerhard Schröder im Jahr 2000 den sogenannten Atomkonsens, dann wurde dieser zehn Jahre später mit der sogenannten Laufzeitverlängerung unter Angela Merkel wieder rückgängig gemacht, nur um ein Jahr darauf erneut in den Status quo ante zurückgeschaltet zu werden. Den Rest erledigte die letzte Ampelregierung. Seither ist Deutschland um eine Angst reicher: „Blackout!“, hallt es nun hysterisch aus dem Blätterwald.
Für den FDP-Granden Wolfgang Kubicki, dessen Partei an dem ganzen Atom-Hickhack durchaus einen Anteil hat, ist ein derartiges Vorgehen wieder einmal typisch und sagt viel über den Stand der politischen Debatte im Land aus: „Wir sind halt wirklich permanent im Ausnahmezustand“, fühlt er sich bestätigt. Und das ganze Hü und Hott mache es nur noch schlimmer. Bei so vielen Extremen sei eine nüchterne politische Debatte kaum noch möglich. Man denke nur mal an die Auseinandersetzung um die Bundeswehr: War die deutsche Armee bis gestern noch eine „kaputtgesparte Truppe“, so träumt Bundeskanzler Merz jetzt von der „konventionell stärksten Armee Europas“. So zumindest hat er es in seiner ersten Regierungserklärung am 14. Mai vor dem Deutschen Bundestag gesagt. Mittelmaß? Vollkommen undenkbar. „Wir echauffieren uns hier immer, wenn Donald Trump ,America First!‘ ruft“, spitzt Wolfgang Kubicki das deutsche Ambivalenzgefühl pointiert zu. Dabei seien es doch eigentlich wir, die überall die Ersten und die Besten sein wollen.
Vielleicht aber sind wir auch einfach nur vollkommen normal. Bestenfalls globaler Durchschnitt. Und selbst das Gerede von der „typisch deutschen Übertreibung“ ist am Ende auch nur Übertriebenheit. Eines ist jedenfalls gewiss: In kaum einem anderen Land der Welt macht man sich so sehr zum Problemfall wie hierzulande. Das ist gewiss etwas typisch Deutsches.
Illustration: Marie Wolf